Zehn Grad Steigung, das könnte knapp werden, aber der Kleine nimmt sie locker. Doch dann gräbt sich das rechte Vorderrad in den Sand, und plötzlich herrscht Ruhe. Die Augen des Rovers schauen zum nächsten Hügel, aber es geht nicht mehr vorwärts.

Zum Glück steht er noch nicht auf dem Mond, sondern erst in seinem neuen Spielzimmer in Berlin-Marzahn. Den Mond kennt der Rover nur vom Poster, das an der Wand hängt wie ein Starschnitt über dem Bett eines Teenagers. Karsten Becker ist hier der Erziehungsberechtigte, er lenkt das Fahrzeug mit einem Tabletcomputer. Bis eben zumindest, jetzt reagiert es nicht mehr. Becker öffnet im Rücken des Rovers eine Klappe. "Irgendwas mit den Motoren stimmt nicht", murmelt er.

"Vielleicht ist das Profil der Räder noch nicht optimal", sagt Jürgen Brandner, der zweite Mann in der Halle. Eigentlich waren die Ingenieure froh, dass sie nicht mehr um die halbe Welt fliegen müssen, um mondähnliches Terrain zu finden. Sie gehen jetzt nur noch die Treppe hinunter und stehen im Testgelände: 66 Quadratmeter Sand, den ein Professor für Geomorphologie als den mondähnlichsten Sand der Erde identifiziert hat. Aber nun streikt der Rover schon bei der Premiere.

Auf den ersten Blick folgt dieser Vormittag im Februar dem Drehbuch der Raumfahrtromantik: Ingenieure tüfteln an Mondrover und bringen den Innovationsstandort Deutschland voran. Part-Time Scientists nennen sich die Herren, Teilzeitwissenschaftler. Sie sind eines von ursprünglich 34 Teams, die sich der fixen Idee verschrieben hatten, den Google Lunar Xprize zu gewinnen. 20 Millionen Dollar Preisgeld hat Google jenem Team versprochen, das einen Rover auf dem Mond 500 Meter weit fahren lässt. 2009 gegründet, arbeiten die Part-Time Scientists heute Vollzeit. Sie haben von Google 750.000 Euro für das Erreichen eines Zwischenziels bekommen, vergeben Aufträge an Airbus und werden von Audi und Vodafone gesponsert. Für 2018 wollen sie ihrem Rover eine Mitfahrgelegenheit auf einer Rakete buchen.

Aber dahinter steckt mehr als nur der nächste Abenteuerausflug gen Himmel. Die Raumfahrtgemeinde ringt gerade um ihre Zukunft. Es geht um die ökonomische Frage, wie schnell und billig die Raumfahrt zu haben ist. Es geht um die existenzielle Frage, in welcher Währung der Mensch seinen Erkenntnisgewinn bezahlen soll – notfalls auch mit dem Leben? Und es geht um die politische Frage, was Donald Trump eigentlich mit dem Sonnensystem vorhat.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 4/17.

Die Part-Time Scientists sind Teil einer neuen Bewegung, die in den USA das Label "New Space" bekommen hat. Old Space, das sind Raumfahrtbehörden wie die Nasa und die europäische Raumfahrtagentur Esa. New Space, das sind Leute wie Elon Musk, groß geworden mit Science-Fiction-Filmen, reich geworden mit dem Bezahldienst PayPal, berühmt geworden mit dem Elektroauto Tesla. Musk hat außer Tesla und PayPal die Firma SpaceX gegründet, das erste und bislang einzige Privatunternehmen, das die Internationale Raumstation mit Nachschub versorgt. SpaceX ist ungefähr zwölf Milliarden Dollar wert. So viel Geld gibt die Nasa in acht Monaten aus.

New Space, das ist auch jemand wie Amazon-Chef Jeff Bezos mit seiner Firma Blue Origin. Deren Raketen haben mehrere Leerflüge bis auf mehr als 100 Kilometer Höhe gemeistert, die offizielle Grenze zum Weltall. Mit einem neuen Raumschiff will Bezos noch in diesem Jahr die ersten Testpiloten ins All schicken.

Houston ist Old Space. Silicon Valley ist New Space. Und Berlin-Marzahn gehört jetzt auch ein bisschen dazu.

"Solche Leute braucht es, um ein Risiko einzugehen", sagt Eugen Reichl von Airbus Safran Launchers über die Part-Time Scientists. "Unser Unternehmen würde das nie machen." Die Firma stellt die Triebwerke für die Landefähre her, die den Rover zum Mond befördern soll. Die Teams, die am Google-Wettbewerb teilnehmen, nennt Reichl "Basteltruppen". Es ist als Kompliment gemeint.

"Natürlich sind wir naiv", sagt Robert Böhme, der Chef der Part-Time Scientists. "Aber das ist doch nichts Schlechtes: Naivität motiviert dich, Neues auszuprobieren!" Am Mittag, der Rover im Erdgeschoss streikt immer noch, telefoniert Böhme mit SpaceX, der Firma von Elon Musk. Vor ein paar Monaten explodierte eine der SpaceX-Raketen kurz vor dem Start mit einem Satelliten an Bord. Die Part-Time Scientists müssten daher bis Ende 2018 warten, erfährt Böhm. Die 20 Millionen von Google können sie dann zwar nicht mehr gewinnen: Ende 2017 ist die Zielmarke, die jetzt nur noch fünf der ursprünglich 34 Teams schaffen können. Aber die Berliner machen trotzdem weiter. Böhme sagt: "Die Öffentlichkeit wird nie verstehen, dass SpaceX nicht böse ist, nur weil hin und wieder eine Rakete explodiert."

Sein Büro wird von einer großen Pappfigur bewacht, von Buzz Aldrin, dem zweiten Mann auf dem Mond. Aldrin und Neil Armstrong, das sind die Legenden des Old Space. Dabei wird aber oft vergessen, dass sie erst mit der elften Apollo-Mission zum Mond gelangten. "Zum Zeitpunkt der Mondlandung waren bereits 16 Menschen bei Versuchen gestorben", sagt Böhme, "davon wird nur nicht gesprochen."