Der von Geburt an blinde Juan Ruiz orientiert sich beim Reiten nur, indem er Laute ausstößt und anhand des Echos auf seine Umgebung schließt.

Juan Ruiz’ Hobbys sind Wandern, An-Oldtimern-Schrauben, Skifahren und Mountainbiken. Als Kind kletterte er auf ein Dach, weil nun mal gerade eine Leiter am Haus lehnte, ein andermal fand er einen Schraubenzieher und zerlegte den Fernseher und das Radio seiner Eltern in Einzelteile – nur das Wiederzusammenbauen klappte nicht. Seit 2011 steht er im Guinness Buch der Rekorde, weil er auf einem Fahrrad einen 20 Meter langen Slalomparcours mit zehn zufällig verteilten Säulen unfallfrei durchquert hatte – ohne sie zu sehen. Juan Ruiz, geboren 1981 in Mexiko, ist seit seiner Geburt blind.

Sein Blindenstock ist eineinhalb Meter lang. Am Ende des Stocks würde für Juan Ruiz normalerweise auch die Welt der Objekte enden – sofern sie keine Geräusche machen. Doch Ruiz hat eine Technik gelernt, mit der er sich auch den Raum darüber hinaus erschließen kann.

Berlin, Prenzlauer Berg. Juan Ruiz ist mit einem befreundeten Paar auf dem Weg zu einem spanischen Restaurant. Ruiz unterhält sich mit den beiden, weicht Fußgängern aus. Autoreifen rattern über Pflastersteine, ein rückwärts fahrender Lastwagen piept, ein paar Meter weiter kreischt ein Kind. Und dann ist da dieses Klicken. Mechanisch klingt es, wie das Umlegen eines Lichtschalters. Der Ton kommt von Ruiz selbst, er schnalzt immer wieder mit der Zunge. Juan Ruiz hat zwar einen Sinn weniger als die meisten anderen. Aber er hat dieses Handicap auf verblüffende Weise kompensiert: Er orientiert sich in der Welt wie eine Fledermaus, nämlich indem er auf das Echo seiner Klicklaute horcht. Deshalb ist er an diesem Tag zu Besuch in Berlin. Er soll sein Wissen weitergeben an die Tochter des Paars, mit dem er zum Mittagessen verabredet ist. Denn die Fledermaustechnik kann man trainieren.

"Mit der Echoortung erstelle ich ein dreidimensionales Bild meiner Umgebung", sagt Ruiz. "Die gesammelten Informationen muss ich in den Kontext setzen. Dafür benutze ich meine Erfahrungen und mein Wissen über die Welt." Steht er in der Wohnung eines Freundes, ist das hölzerne Ding ihm gegenüber, das sein Zungenschnalzen zurückwirft, vermutlich ein Schrank, kein Baum im Wald. "Und wenn man in Berlin an einer Straßenecke etwas Metallisches, eher Dünnes und Kleines hört, dann ist das vermutlich ein Fahrradständer."

Kurz, scharf, sehr klar und präzise muss das Zungenschnalzen sein. Dann entsteht das deutlichste Echo und somit das genaueste Bild der Umgebung. Ruiz führt oft auch einen Blindenstock mit sich, aber damit kann er nur seine unmittelbare Nachbarschaft ertasten. Die Fledermausnavigation dagegen – der offizielle Name ist Klicksonartechnik – erweitert seinen Sinnesradius um ein Vielfaches. Will Ruiz ein Gebäude in hundert Meter Entfernung orten, schnalzt er lauter oder klatscht in die Hände. Bis zu 200 Meter entfernte Objekte kann er auf diese Weise orten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/17.

Schnalzt Juan Ruiz mit der Zunge, entsteht eine physikalische Kettenreaktion. Die schnelle Bewegung der Zunge versetzt Luftmoleküle in Schwingung. Der Schallimpuls verlässt den Mund und geht auf Reisen – bis er auf Widerstand trifft. Dort wird der Schall reflektiert und kommt zurück zu Ruiz. Wie lange war das Signal des Zungenschnalzens unterwegs? Wie laut und scharf klingt das Echo? Am besten reflektieren harte, glatte Oberflächen den Schall. Parkett, Marmor, Fliesen oder Fensterscheiben zum Beispiel. Gestrichener Beton reflektiert stärker als Rohbeton, Holz stärker als eine Menschenmenge. Kommt aus einer Richtung gar nichts wieder, steht vielleicht eine Tür offen oder eine Garage.

Einen wichtigen Teil der Umgebungsinformationen zieht Ruiz aus dem Klang des Echos. Sehende erkennen mit ihren Augen, dass die Oberfläche einer Tischplatte glatt und hart ist und eine Stoffcouch mit Plüschdecke weich und flauschig. Das haben sie von Geburt an so gelernt. Ruiz dagegen hört die Beschaffenheit eines Gegenstandes. Klingt er nach weichem Wandteppich oder nach hölzernem Wandschrank? Natürlich bleiben ihm viele Details verborgen. Jedoch kann man trainieren, immer mehr und vor allem genauer zu hören.

Steffen Zimmermann und Ellen Schweizer haben Juan Ruiz nach Berlin eingeladen. Als ihre Tochter Clara* vor acht Jahren blind auf die Welt kam, stießen sie im Internet auf Videos und Berichte über den "Fledermausmann" Daniel Kish, bei dem auch Juan Ruiz gelernt hat. Kish hat die Klicksonartechnik erfunden.