Die Verkäufer im Geschäft müssen verdutzt gewesen sein. Da kommt ein einzelner Kunde, der 240 Brieftaschen kaufen will? Gut, man verliert schnell mal eine, etwas Reserve kann da nicht schaden, aber 240? Der Käufer hieß Richard Wiseman, und tatsächlich sollte er sie allesamt wieder verlieren. Jede einzelne der 240 Brieftaschen würde nämlich schon bald auf den Straßen von Edinburgh landen.

Richard Wiseman ist Psychologe und die Brieftasche ein beliebter Forschungsgegenstand seiner Zunft. Seit Jahrzehnten werden im Namen der Wissenschaft in Großstädten immer wieder Brieftaschen "verloren", um die menschliche Hilfsbereitschaft zu ergründen. Meistens stecken Psychologen dahinter. Die Forschungsfrage ist immer dieselbe: Unter welchen Bedingungen wird eine verlorene Brieftasche ihrem Besitzer zurückgebracht? Was motiviert Finder zu dieser freundlichen Tat?

Die Antwort: Es hat nicht nur mit dem Charakter des Finders zu tun, sondern auch mit der Beschaffenheit der Brieftasche. Das war es, was Wiseman herausfinden wollte. In den folgenden Wochen kam es in Edinburgh zu einer erstaunlichen Häufung von Brieftaschen-Funden. Aufgefallen ist das den Bewohnern wohl nicht, denn Wiseman verstreute die Portemonnaies gewissenhaft in einigem Abstand über die Stadt.

Noch wichtiger war: Bevor er die Geldbeutel ihrem Schicksal aussetzte, präparierte er sie. Damit sie echt wirkten, steckte er Kassenbons, Lotterielose und alle möglichen Karten hinein, manchmal sogar Spendenquittungen, was auf einen besonders netten Inhaber schließen lassen sollte. Die meisten aber enthielten ein privates Foto – das Bild einer glücklichen Familie etwa, das Bild eines niedlichen Babys oder Welpen oder aber die Aufnahme eines älteren Ehepaars. Wiseman zählte die Brieftaschen genau ab und verteilte die verschiedenen Fotomotive auf vier gleich große Gruppen.

Es dauerte nicht lange, da zeichnete sich ein Ergebnis ab. Innerhalb von einer Woche wurden 52 Prozent der Geldbeutel zurückgegeben, und dabei offenbarte sich ein Muster: Die meisten zurückgekehrten Brieftaschen enthielten ein privates Foto, erstaunlich wenige eine Spendenquittung. Interessant war auch: Die Rückgabequote variierte nach Fotomotiv. Bei dem Bild des älteren Paares lag sie nur bei 28 Prozent, bei der glücklichen Familie bei 48 Prozent und beim Welpenfoto bei 53 Prozent. Absoluter Sieger war allerdings das Foto des lächelnden Babys: 88 Prozent dieser Brieftaschen wurden samt Inhalt zurückgegeben.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/17.

Offenbar hatte das Bild des Babys an die Hilfsbereitschaft der Finder appelliert. Die These des Psychologen: Der Anblick eines Babygesichts löst derart starke Gefühle von Fürsorge aus, dass Menschen gar nicht anders können, als dem Impuls zur Hilfe nachzugeben. Und in diesem Fall hatte sich die Fürsorge gewissermaßen auf die schutzlose Brieftasche übertragen.

Wiseman leitet daraus den naheliegenden Lebensrat ab, die eigene Brieftasche mit einem Babyfoto zu bestücken – für den Fall, dass sie mal verloren geht. Ob das Kindchenschema auch bei Dieben und Einbrechern wirkt, wurde bislang nicht untersucht. Aber es ist durchaus einen Versuch wert, Schmuckschatullen oder Fenster mit einer Babyrassel zu sichern.