1. Vorkommen

Man nannte ihn den Halbgott der Wall Street: Boaz Weinstein wurde mit 27 Jahren zum jüngsten Managing Direktor der Deutschen Bank. Sein Geschäft: der weltweite Kredithandel. Durch gewagte Kalkulationen brachte er der Deutschen Bank riesige Gewinne ein. Bis 2007 sein Spekulationsgebäude in sich zusammenfiel und Weinstein gehen musste. Er und die anderen Banker der Finanzkrise wurden zum Symbol für die Gier, die der Kapitalismus im Menschen freisetzen kann.

Glaubt man der Wissenschaft, liegt die Ursache für dieses Verhalten aber viel tiefer. Gier ist ein universelles Phänomen, sie taucht in allen Epochen und Kulturen auf. Schon Aristoteles fand, dass der, der den Gelderwerb zum Ziel seines Lebens mache, den Sinn des Lebens nicht verstanden habe. Im Mittelalter wurde Habgier von der Kirche zu einer der sieben Todsünden erklärt. Als mit Beginn der frühen Neuzeit die ersten Gold- und Silbervorkommen in Amerika entdeckt wurden, war es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Finanzkrise 2007.

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Wie gierig jemand ist, kann man messen – sagt jedenfalls die Wissenschaft. Johannes Hewig, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Würzburg, entwickelte mit einem Forscherteam einen Fragebogen, mit dem man Testpersonen ein Maß für ihre Gier zuordnen kann. "Die meisten Menschen haben einen durchschnittlichen Wert bezüglich der Gier", sagt Hewig. "Es gibt nur wenige Menschen, die extrem hohe oder extrem niedrige Gier-Werte aufweisen." Die Forscher verglichen auch die Ausprägungen der Gier bei Menschen aus den USA und Deutschland. Dabei fanden sie heraus, dass vor allem in den USA extrem hohe Werte bei den Probanden zu finden waren. Das liege daran, dass materielle Güter – Haus, Auto, Schmuck, Technik – in den USA einen höheren Stellenwert haben, vermuten die Forscher.

Dazu passt eine aktuelle Umfrage unter amerikanischen Teenagern, der zufolge fast jeder zweite seine eigene Generation für zu gierig hält. Außerdem neigen reiche Menschen eher zu gierigem Verhalten, wie Wissenschaftler der Berkeley University herausfanden. Sie führten ein Experiment durch, bei dem sich zeigte, dass vermögende Menschen sich mehr Bonbons aus einem Glas nahmen als die weniger Wohlhabenden.

2. Entstehung

Es ist keine große Überraschung, dass die Wissenschaft die Evolution für die Gier verantwortlich macht. Je mehr Ressourcen unsere Vorfahren angesammelt hatten, desto höher waren ihre Überlebenschancen und somit die Möglichkeit, sich fortzupflanzen. Dass auch der moderne Mensch gierig ist, liegt demnach in den Genen. Natürlich spielt auch das soziale Umfeld eine Rolle. Wie die meisten Persönlichkeitsmerkmale ist die Gier laut Hewig schätzungsweise bis zu 50 Prozent im Menschen veranlagt. Je größer die Bedeutung materieller Werte innerhalb einer Gesellschaft ist, desto ausgeprägter ist die Gier.

In einer Studie untersuchten Wissenschaftler der Universitäten Harvard und Yale, ob wir bei spontanen Entscheidungen eher zu Großzügigkeit oder zu gierigem Verhalten neigen. Sie fanden heraus, dass wir immer gieriger und egoistischer werden, je länger wir über eine Entscheidung nachdenken. Wer spontan entscheidet, verhält sich sozialer. Das begründen die Forscher damit, dass unsere Intuition vor allem im Kontext des alltäglichen Lebens entwickelt wird. Hier sind Hilfsbereitschaft und Kooperation meist von Vorteil. Das klingt etwas paradox, aber je mehr Zeit wir haben, um darüber zu reflektieren, was wir eigentlich wollen, desto näher kommen wir unserem ursprünglichen, instinktiven Verhalten.

Nebenbei: Was als gierig angesehen wird, hängt auch immer von einer Bewertung durch das soziale Umfeld oder die Gesellschaft ab. Boaz Weinstein und seine Freunde empfanden ihr unbändiges Streben nach Milliarden wahrscheinlich nicht als allzu gierig.