Für den Krebsmediziner Sebastian Ochsenreither von der Berliner Charité ist Patient 19 ein Mensch aus Fleisch und Blut, er hat ihm die Hand gegeben, seinen Blutdruck gemessen und mit ihm über die Computertomografie des Schleimhauttumors gesprochen. Für den Bioinformatiker Thomas Keßler ist Patient 19 eine Datei mit 22.117 Differenzialgleichungen, verknüpft mit 600 Gigabyte Genomdaten. Für den Humangenetiker Hans Lehrach verkörpert Patient 19 die Zukunft der Medizin.

Hans Lehrach, Thomas Keßler und Sebastian Ochsenreither testen gerade eine Science-Fiction-Idee in der Praxis. Sie simulieren Menschen auf dem Computer, um die passenden Medikamente zu finden. Patient 19 ist einer von 35 Hautkrebspatienten, die an der Studie teilnehmen. Für jeden von ihnen fertigen Keßler und Kollegen eine digitale Kopie an. Dann studieren sie am Computer, welcher Wirkstoff der Kopie, dem digitalen Zwilling, am besten hilft. Die Entscheidung, welches Medikament der Patient bekommt, fällt ein Mensch. Für Patient 19 ist es Sebastian Ochsenreither vom Universitätsklinikum Berlin.

Hinter diesem Projekt steht der große Traum von der personalisierten Medizin, und man sollte als Erstes mit Hans Lehrach sprechen, denn der träumt am größten. Lehrach hat ein Riesenbüro mit Riesenschreibtisch und Riesenbildschirmen am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik. Er ist 70 Jahre alt und war viele Jahre Direktor des Instituts, er hat Biotech-Firmen gegründet, in Boston und London geforscht, das menschliche Genom mit entschlüsselt. In der Wissenschaft ist er schon unsterblich. Er könnte den Ruhestand genießen und vormittags durch den Grunewald spazieren, aber jetzt dreht er richtig auf. Er sagt: "Warum soll ich mich auf die eigene Unsterblichkeit verlassen, wenn wir Millionen von Patienten eine bessere Behandlung ermöglichen können?"

Eines Tages wird jeder Mensch einen digitalen Zwilling haben, das ist Lehrachs Traum, und bevor man dem echten Menschen ein Medikament verschreibt, wird der Arzt am Computer-Zwilling verschiedene Therapien ausprobieren. "Jeder sollte von der Geburt bis ins hohe Alter einen Zwilling in silico haben", sagt Lehrach. Silico ist ein Kunstwort für Silizium, also Mikrochips, also Computer. "Man wird den Zwilling auch verwenden, wenn man für einen Marathon trainiert. Die Simulation sagt dann, wie man sich im Training ernähren soll." Und wenn irgendwann von Millionen Menschen je eine digitale Kopie existierte, könnte man klinische Studien an einem Heer virtueller Doppelgänger durchführen, ohne dass jemand Schaden nähme.

Es ist ein heißer Tag Mitte Juni, und Hans Lehrach kommt mit Shorts und Sandalen ins Büro, er redet mit Wiener Schmäh und macht gerne sarkastische Bemerkungen über das Gesundheitssystem. Man darf diesen Mann nicht unterschätzen. Er hat mehr als 70 Forschungsinstitute und Firmen zusammengetrommelt, um die Idee des digitalen Zwillings voranzutreiben. Future Health heißt die Initiative, und Lehrach fliegt in diesen Tagen oft nach Brüssel, weil Future Health in der Endrunde für eine Milliarde Euro Forschungsgeld steht. Natürlich führt er auch das R-Wort im Mund, Revolution!, und wie es sich für einen Revolutionsführer gehört, hat er ein Manifest geschrieben. Als Vorbild nennt er darin die Mondlandung.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/17.

Hans Lehrach hat sich Vergleiche ausgedacht, um andere vom Nutzen des digitalen Zwillings, der oft auch "virtueller Patient" heißt, zu überzeugen. "Wenn wir ein Hochhaus bauen", sagt er, "warten wir nicht, ob es beim nächsten Herbststurm zusammenbricht, sondern wir simulieren das im Voraus." Auch Flugzeugpiloten trainieren in Simulatoren, und Autos absolvieren Crashtests im Computer. "Besser, wir machen Fehler am Rechner als in der Wirklichkeit. Der einzige Bereich, in dem wir das nicht tun, ist die Medizin."

Die Genomsequenzierung von Patienten, also die Analyse des kompletten Erbguts, sollte zur Routine werden, sagt Hans Lehrach – und ebenso subventioniert werden wie Elektroautos und Solarzellen. "Hier geht’s ja nur um Menschenleben." Er meint es sarkastisch. Am linken Handgelenk trägt er eine Apple Watch mit Pulsmesser, am rechten einen Bewegungssensor von Fitbit. Auch die Daten solcher Geräte sollen eines Tages in die Zwillingssimulation einfließen. Und der Datenschutz? Lehrach sagt: "Datenschutz ist etwas für Gesunde."

Die Personalisierung der medikamentösen Therapie sei das große ungelöste Problem in der Medizin. Ein Medikament beeinflusst Dutzende biochemische Vorgänge. Aber jeder Körper ist anders. Der Arzt weiß nicht, wie ein Medikament auf den Einzelnen wirken wird. Sicher, es gibt klinische Studien, doch die bilden einen Durchschnitt über Hunderte Personen. "Das ist so, als würde man sagen: Ihr linker Arm ist gebrochen, aber wir gipsen jetzt mal den rechten ein, weil in klinischen Studien mehr rechte Arme eingegipst wurden." Wenn man Hans Lehrach eine Weile zuhört, will man mit dem Krankwerden lieber noch warten, bis die Zukunft etwas näher gerückt ist.

Personalisierte Medizin heißt nicht, dass der Arzt sich öfter mal nach der Familie erkundigt (das wäre eine persönlichere Medizin, ein anderes Thema). Sondern dass jeder Patient eine Therapie erhält, die auf seinen Körper, sein Genom, seinen Stoffwechsel abgestimmt ist.