Vom wohl fatalsten Fall von Neugier berichtet die griechische Saga: Zeus schickte Pandora zu den Menschen und gab ihr eine verschlossene Büchse mit, die unter keinen Umständen geöffnet werden dürfe. Doch Pandora war einfach zu neugierig. Sie öffnete die Büchse und ließ den verheerenden Inhalt entweichen: Krankheiten, Leid, Tod. In der Evolution dagegen war die Neugier sehr vorteilhaft. Nicht nur der Mensch, selbst simple Organismen wie der Spulwurm besitzen sie. Organismen orientieren sich an dem Prinzip "Tausche Information gegen Belohnung", schreiben die Neurologen Benjamin Hayden und Celeste Kidd. Neugier ermöglicht es Lebewesen, sich neuen Umweltbedingungen anzupassen.

"Ohne Neugier wäre die Besiedlung der Erde durch den Menschen nicht möglich gewesen", sagt der Anthropologe Karl-Heinz Kohl von der Goethe-Universität Frankfurt. Aber erst mit der Aufklärung galt Neugierde nicht mehr als Sünde. "Es ist kein Zufall, dass dies die Zeit der großen überseeischen Entdeckungen war", sagt Kohl. Thomas Hobbes nannte die Neugier eine "geistige Lust", Sigmund Freud "Wissensdurst".

Neurophysiologen haben nachgewiesen, dass das menschliche Gehirn Belohnungsstoffe ausschüttet, wenn die Neugier befriedigt wird. Neugier gibt vielen Menschen einen Kick. Und sie gilt als Karriere-Bonus: In Start-ups ist Entdeckertrieb erwünscht. Zumindest im Westen setzt man Neugier mit Fortschritt und Intelligenz gleich. Die Psychologin Sophie von Stumm von der University of London fand in einer Studie zur akademischen Leistung von Studenten heraus, dass Neugier genauso wichtig ist wie Intelligenz, wenn es darum geht, knifflige Aufgaben zu lösen. Weniger intelligente Studenten, die überdurchschnittlich neugierig waren, erzielten genauso gute Noten wie normal neugierige, aber besonders intelligente Studierende.

In nichtwestlichen Kulturen wird Neugierde mitunter anders bewertet. "Neugier ist keine anthropologische Konstante", sagt Karl-Heinz Kohl. Manche sehen sie als Gefahr für bestehende Strukturen und Hierarchien. "Darum wird in zahlreichen indigenen Bevölkerungsgruppen der Drang, Neues zu entdecken, durch harte Initiationsriten in Schach gehalten oder ganz ausgetrieben. Gleichzeitig wird auf diese Weise innergesellschaftliches, altes Wissen vermittelt."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/17.

Wie neugierig man ist, hängt also mal wieder sowohl von den Genen als auch von der Erziehung ab, und es schwankt im Laufe des Lebens. In der Pubertät ist die Neugier besonders stark ausgeprägt, bei Jungen mehr als bei Mädchen, sagen Psychologen. Können Menschen im Erwachsenenalter ihr Neugier-Level bewusst steigern? Dazu gebe es wenig Forschung, sagt der Persönlichkeitspsychologe Jens Asendorpf von der Humboldt-Universität in Berlin, vermutlich sei Neugier als Basismotiv aber ähnlich stabil und robust wie andere Persönlichkeitsmerkmale. "Manchmal wird ja vorgeschlagen, Fremdenfeindlichkeit vorzubeugen, indem man Menschen neugieriger auf andere Kulturen macht. Ich glaube nicht, dass das funktioniert."

Es gibt einen Weg, sich zur Neugier zu zwingen: indem man auswandert oder in exotische Länder reist. Mit Desinteresse kommt man dort nicht sehr weit. Nach einiger Zeit jedoch pendelt sich das Neugier-Level wahrscheinlich wieder auf dem eigenen Sollwert ein, so wie die Zimmertemperatur in einem Raum, der mit Thermostat geregelt wird. Jens Asendorpf stellt die Gegenfrage: Wozu sollte man Neugier überhaupt lernen? Man solle doch "das ganze Selbstoptimierungsgequatsche ignorieren". Und sich so akzeptieren, wie man ist.

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