Ein Mann wartet in einem geschmackvoll eingerichteten Zimmer auf einen Termin. Während er sich in dem Raum ein wenig umschaut, fällt sein Blick auf ein schief an der Wand hängendes Bild. Er steht auf und rückt es gerade. Dabei verschiebt er das Sofa, das wiederum den Beistelltisch anstößt, der mitsamt Lampe umkippt. Bei dem Versuch, alles wieder aufzurichten, verfängt er sich im Teppich und stößt ein Regal mit Porzellantellern um. So geht es immer weiter, bis das zuvor so ordentliche Zimmer vollends im Chaos versunken ist – sämtliche Regale umgestürzt, Teller, Bücher und Lampen über den Boden verteilt. Das Bild hängt immer noch schief. Der Loriot-Sketch Das verwüstete Zimmer führt vor, wohin übermäßiger Perfektionismus führen kann.

Martin Keck, Leiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, geht davon aus, dass in jedem von uns ein kleiner Perfektionist steckt, der sich beispielsweise in großer Pünktlichkeit oder dem gewissenhaften Erledigen von Aufgaben äußern kann. "Perfektionismus hat in Deutschland einen hohen kulturellen Stellenwert", sagt Keck, "wir leben in einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft." Während die Franzosen ihr savoir-vivre haben und die Italiener ihr dolce vita, haben die Deutschen oftmals vor allem eins: keine Zeit.

Das zeigen auch die Ergebnisse einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Rheingold Salon aus dem Jahr 2012. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, dass es ihnen im stressigen Alltag immer seltener gelingt, zu genießen und loszulassen. "Loslassen ist das genaue Gegenteil von übermäßiger Gewissenhaftigkeit – Perfektionisten tun sich damit schwer, weil es bedeutet, Kontrolle abzugeben", sagt Martin Keck. Dabei kann man Genuss sogar lernen. Keck bietet dafür spezielle Trainings an: Die beginnen in vielen Fällen zunächst einmal mit dem simplen Trinken von einem Glas Wasser. Oder dem bewussten Riechen an einer Blume.

Wenn wir etwas genießen, meldet unser Gehirn, dass es uns in diesem Moment gut geht. Außerdem wird das Hormonsystem aktiviert und das als Glückshormon bekannte Dopamin ausgeschüttet. Genuss hat aber noch andere Vorteile: Eine Studie der Berliner Charité hat gezeigt, dass zum Beispiel Musikgenuss den Blutdruck senken und einem Herzinfarkt vorbeugen kann. In diesem Falle sind Perfektionisten in einer besonders günstigen Situation – unter Musikern gibt es nämlich überdurchschnittlich viele.

Perfektionismus kann uns durchaus dabei unterstützen, etwas zu genießen. Menschen, die damit zurechtkommen, wenn ihnen mal etwas nicht gelingt, sind besonders genussfähig. "Für einen sogenannten funktionalen Perfektionisten, der also nicht unter seinem Perfektionismus leidet, spielt Genuss eine große Rolle", sagt die Psychologin Christine Altstötter-Gleich, die an der Universität Koblenz im Bereich Persönlichkeitspsychologie forscht.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/17.

Wie stark Perfektionismus ausgeprägt ist, hängt insbesondere von der Erziehung ab. Werden Kinder trotz einer hohen Erwartungshaltung der Eltern auch bei Misserfolgen unterstützt, konnten sie lernen, ihre Ziele strebsam zu verfolgen, ohne sich von Rückschlägen einschüchtern oder entmutigen zu lassen. "Diese Menschen sind motiviert, sich hohe Standards zu setzen, weil sie erfolgreich sein wollen, und gleichzeitig sind sie in der Lage, den Erfolg auch zu feiern", sagt Altstötter-Gleich. Ähnlich sehen das auch die vom Marktforschungsinstitut Rheingold Salon befragten Deutschen: Über 80 Prozent fällt es leichter zu genießen, wenn sie vorher etwas geleistet haben.

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