Institute of Living heißt die Psychiatrie in Hartford, Connecticut, "Thompson Two" nennen sie die Abteilung für die schweren Fälle. Die schlimmsten davon kommen in das Isolierzimmer. M. ist 17 Jahre alt und schlägt dort ihren Kopf an die Wand. Sie muss oft hier sein, Bett, Stuhl, kleines, vergittertes Fenster, weil sie sonst jede Gelegenheit nutzt, sich die Arme aufzuschlitzen, die Beine, den Bauch oder brennende Zigaretten in ihre Handgelenke zu drücken. Ihr Körper ist voll mit Medikamenten, die ihr die Angst nehmen und Anspannungen lösen sollen, aber sie schaffen es nicht. In dem Zimmer gibt es keine Zigaretten und nichts, was scharf ist. Um ihr Leid zu betäuben, bleibt ihr nur, den Kopf an die Wand zu schlagen. Hart. Und auf den Boden. "Hilf mir jemand!", denkt sie, aber weiß nicht, was sie sagen könnte und wem. "Ich war in der Hölle", wird sie später sagen.

Am anderen Ende des Landes, an der University of Washington in Seattle, beginnt einige Jahre später eine junge Therapeutin ihre Karriere. Von Anfang an interessiert sich Marsha Linehan nur für die ganz harten Fälle. Sie weiß aus dem Studium, dass Verhalten gelernt ist und daher umgelernt werden kann. Bei wem, denkt sie, ist das nötiger als bei Menschen, die immer wieder versuchen, sich umzubringen? Und wie könnte man das Funktionieren einer therapeutischen Methode besser beweisen, als wenn man es schaffte, denjenigen zu helfen, die am meisten leiden? Marsha Linehan ruft in den Kliniken an und bittet um die Fälle, für die andere keine Hoffnung mehr sehen.

Sie wird in den folgenden Jahren eine Therapie entwickeln, die weltberühmt werden wird, die Menschen, geschüttelt von den brutalsten Stürmen, dabei hilft, zu einem lebenswerten Leben zu finden. Die Dialektisch-Behaviorale Therapie ist heute eine der am besten durch Studien bestätigten Methoden, um Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und starkem Drang zum Suizid zu behandeln. Aber sie wird auch eingesetzt bei süchtigen, aggressiven und essgestörten Menschen, hilft gegen Depressionen und Angstzustände. Sie zeigt Menschen auf der ganzen Welt, wie sie mit starkem Leid umgehen können, statt es in zerstörerische Taten umzusetzen. Oder wie Linehan sagt: "Meine Tätigkeit hat etwas davon, mit Menschen zur Hölle zu gehen und einen gemeinsamen Weg heraus zu finden." Teile der Methode eignen sich auch, um Schicksalsschläge oder Lebenskrisen zu bewältigen, sie helfen ganz allgemein, sich im Leben und in der Welt wieder zurechtzufinden, wenn alles verrutscht zu sein scheint. Marsha Linehan hat durch jahrelange Arbeit einen Weg gefunden, wie Menschen sich ihre Gefühle zu Verbündeten machen können – in Momenten, in denen das unvorstellbar scheint, weil es gerade die Gefühle sind, die uns malträtieren, quälen und von denen wir uns wünschten, wir könnten sie abstellen. Für die Entdeckung dieser Therapie spielt auch die Geschichte der Patientin M. eine wichtige Rolle.

M. wächst in der Ölstadt Tulsa im Amerika der vierziger und fünfziger Jahre auf, Bundesstaat Oklahoma, als drittes von sechs Kindern. Der Vater arbeitet in der Ölindustrie, die Mutter zu Hause. M. ist immer gut in der Schule, geht in die Kirche, spielt Klavier, die Familie ist im Ort eingebunden. Doch seit sie denken kann, hat M. dieses Gefühl, nicht zu passen: Sie passt nicht zu diesem Leben und dieses Leben nicht zu ihr. Sie sieht sich umringt von wohlerzogenen Geschwistern, neben denen sie nur unangenehm auffallen kann und es auch tut. Im letzten Schuljahr schmerzt ihr Kopf so sehr, dass sie monatelang das Bett nicht verlässt. Ein Arzt schickt sie in das über 2.000 Kilometer entfernte Institute of Living, eine der ersten und damals wenigen Psychiatrien in den USA, damit dem seltsamen Leiden auf den Grund gegangen wird. Nach mehr als zwei Jahren Aufenthalt steht in ihrem Entlassungsbericht, dass sie die meiste Zeit über eine der verwirrtesten Personen der ganzen Klinik gewesen sei. Die Ärzte hatten es außer mit Medikamenten auch mit Elektroschocks versucht und mit vielen Stunden Psychoanalyse, doch sie waren nicht durchgedrungen. Als sie M. gehen lassen, prognostizieren sie ihr, außerhalb der Klinik werde sie nicht lange überleben. Es kommt anders.

Manche Menschen können mit schweren Verlusten wie dem Tod des Partners oder des eigenen Kindes einen guten Umgang finden – andere bekommen wegen eines falschen Blicks oder Wortes eine Krise. Der eine blüht auf, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Stress bei der Arbeit weniger wird, der andere zerstört in dieser Phase alles, was er sich zuvor aufgebaut hat. Eine Krise bedeutet erst einmal, dass ein Mensch unter dem, was auf ihn einstürzt, leidet. Was dabei als belastend empfunden wird und wie hemmungslos das Leid ist, ist individuell sehr verschieden. Es hängt davon ab, was einer mitbringt: an Erfahrungen, seelischer Stabilität, an Freunden, Partnerschaft, auch an Geld. Und es hängt davon ab, was da hereinbricht in das Leben. So kann es passieren, dass jemand, der den Jobverlust gut wegsteckt, durch eine Trennung gebrochen wird. Oder andersrum.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/17.

Der englische Begriff resilience (Spannkraft, Belastbarkeit) bezeichnet in der Materialkunde die Eigenschaft von Werkstoffen, nach starker Verformung wieder die ursprüngliche Gestalt anzunehmen. In der Psychologie werden Menschen als resilient bezeichnet, die Krisen überstehen. Bestimmte Eigenschaften machen das leichter: Optimismus zum Beispiel und Kontaktfreude. Wer sich von Musik, Kunst oder der Natur berühren lassen kann, hat die Möglichkeit, in diesen Dingen kleine Lichtpunkte zu finden, wenn es um ihn finster wird. Und noch etwas hilft: bereits überstandene Krisen. Als ob sie uns trainieren und immunisieren könnten – zumindest zu einem gewissen Grad. Das zeigte Mark Seery von der University at Buffalo im Bundesstaat New York. Der Psychologieprofessor verglich in einer Studie die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Erwachsenen. Fast 2.400 Menschen im Alter zwischen 18 und 101 Jahren befragte er zu Leid, Belastbarkeit, Lebenszufriedenheit und Stress. Zusätzlich wollte er wissen, wie viele widrige Ereignisse ihnen im Leben bereits zugestoßen waren: schwere Krankheit oder Verlust einer geliebten Person, Gewalt, finanzielle Not, Naturkatastrophen. 37 Schicksalsschläge bot er ihnen zur Auswahl auf einer Liste. Manche der Erwachsenen waren bis dahin noch komplett verschont geblieben (unter 10 Prozent), eine Person hatte es 71-mal getroffen, die meisten gaben um die sieben solcher Einschläge in ihrem Leben an. Das Ergebnis: Den Menschen, die nur ein paar Krisen erlebt hatten, ging es erwartungsgemäß besser als denen, die es bereits sehr oft getroffen hatte. Überraschend war aber, dass es ihnen auch besser ging als denjenigen, die noch gar kein Leid erfahren hatten. Sie waren weniger gestresst, insgesamt zufriedener und wurden nicht so sehr von aktuellen Problemen mitgenommen wie die anderen. Raffael Kalisch, Professor für Neuroimaging, erforscht Resilienz an der Universität Mainz. "Um eine Krise zu überstehen, ist es wichtig, zu erkennen, was einem guttut. Zu suchen, was einem Freude macht, wenn man es aus den Augen verloren hat, und es dann zu genießen." Oft fällt das leichter, wenn die Lebensfreude schon bedroht war – von Extremen wie Krieg, Vergewaltigung, Flucht, aber auch von Alltäglichem wie der Pubertät, den Wechseljahren, dem Stress mit Kindern, dem Leid, weil keine Kinder da sind.

M. hat das Gefühl, eine fremde Macht habe die Kontrolle übernommen. Was sie auch tut, fühlt, denkt, auf welche Weise ihr Körper auch reagiert: Sie hat es nicht mehr im Griff. Die Sehnsucht nach einem Leben, das sie nie haben wird, zerquetscht sie. Die Schlucht zu dem, was sie sich wünscht, ist unüberwindbar, M. ist machtlos. Sie fühlt sich so leer, als hätte sie ihr Herz verloren.

Als Marsha Linehan die ersten harten Fälle bekommt, scheitert sie an ihnen. Sie hat an der Uni ein Psychotherapiekonzept gelernt, das sich, ganz anders als die zu der Zeit weitverbreitete Psychoanalyse, des Hier und Jetzt direkt annimmt. Ganz praktisch. Die Grundidee der kognitiven Verhaltenstherapie: Denken, Fühlen und Handeln hängen eng miteinander zusammen. Damit es einem besser geht, müsse man die eigenen belastende Gedanken, Einstellungen und Bewertungen erst erkennen, dann ändern und schließlich ein neues Verhalten trainieren. Linehan glaubt, wenn sie herausfinde, welche Gefühle und Gedanken genau bei ihren Patienten dazu führen, sich zu verletzen, dann könne sie die Kette durchbrechen. Es wird zum Desaster. "Die Idee flog mir um die Ohren", sagt Linehan. "Die Patienten waren entweder wütend und attackierten mich, machten zu, hörten auf zu reden oder gaben ganz auf." Marsha Linehan muss lernen: Der Weg zur Veränderung scheint komplizierter zu sein.

Gefühle sind überlebenswichtig. Nichts hat so viel Einfluss auf unseren Körper, das Denken, das Handeln. Gefühle zeigen, ob das, was passiert, gut für uns ist oder nicht, treiben uns an oder bremsen. Angst, Ärger oder Traurigkeit signalisieren, dass Gefahr lauert, die wir bekämpfen oder vor der wir uns schützen müssen. Freude, Interesse oder Zufriedenheit dagegen bringen uns dazu, uns dem Reiz, der sie auslöst, zu nähern, ihn zu erhalten. Über die beiden Koordinaten Lust und Unlust geben uns unsere Gefühle Orientierung und leiten uns durchs Leben. Treiben uns zum Essen und zum Sex, um uns zu erhalten – oder zur Flucht, wenn wir bedroht sind. Sie machen uns zu sozialen Wesen, weil wir uns wohler fühlen, wenn wir unseren gesellschaftstauglichen Bedürfnissen nach Kontrolle und Orientierung, Bindung und Anerkennung nachkommen. Wären Traurigkeit, Angst, Schuld, Ärger nur zeit- und energiefressende Phänomene und von Nachteil – sie wären im Laufe der Evolution ausgestorben. Sind sie aber nicht. Alle höher entwickelten Lebewesen, vor allem Säugetiere, werden von Gefühlen geleitet.