Die Diplomandin brannte für die Wissenschaft. Sie hatte Biochemie in Berlin studiert und war dann nach Israel gegangen, ans berühmte Weizmann Institute of Science. Wie alle um sie herum verbrachte sie viel Zeit im Labor. Vom Campus mit seinen duftenden Rosmarinsträuchern bekam sie kaum etwas mit. Über Monate hantierte sie mit Pipetten und Enzymen, durchtrennte DNA-Stränge und veränderte ein Gen, von dem man vermutete, dass es bei der Entstehung von Krebs beteiligt ist. Sie experimentierte mit Mäusezellen in Petrischalen – doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Der Leiter der Arbeitsgruppe, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Krebsforschung, schlug daher vor, die Zellen in lebende Mäuse zu spritzen. Vielleicht würden dann ja Tumoren wachsen.

Die Diplomandin stand im Büro des Professors und geriet ins Stammeln. Sie habe ein sentimentales Verhältnis zu Mäusen, sagte sie. Sie könne solche Experimente unmöglich machen. Der Wissenschaftler war ein freundlicher Mensch. Er lächelte. Er brauchte nichts zu sagen: Die Studentin wusste auch so, dass ihre Karriere gerade eine Wendung genommen hatte. Nach unten.

Diese Studentin in Israel, das war ich. Mehr als zwanzig Jahre sind seither vergangen, aber noch immer ist mir der Tag gegenwärtig, an dem mir mein Dilemma voll bewusst wurde: Ich wollte einerseits an einem der aufregendsten Forschungsgebiete teilhaben, die es damals gab, andererseits konnte ich keine Tiere töten.

Während meiner Diplomarbeit in Israel begriff ich, dass Moleküle in Zellkulturen stets nur der Anfang sein würden. Wollte man Krankheiten wie Krebs verstehen, waren Versuche mit Mäusen die Fortsetzung. Die Doktorarbeit in Freiburg widmete ich Pflanzen. Drei Jahre lang traktierte ich gentechnisch veränderte Pappeln mit Umweltgiften. Das war so langweilig, dass ich den Plan aufgab, in der Forschung Karriere zu machen. Ich wurde Journalistin.

Meine Entscheidung gegen Tierversuche habe ich nie bereut. Es war eine Gefühlsentscheidung, die in meiner Biografie ihren Platz gefunden hat wie der Korb meines Hundes in unserem überfüllten Schlafzimmer. Ich habe anschließend nicht mehr viel darüber nachgedacht. Zwei Ereignisse änderten das.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/17.

In Berlin fuhr unlängst ein Linienbus an mir vorbei, auf dem ein großer Affenarm zu sehen war, der sich an Gitterstäbe klammert. "Tierquälereien beenden! Tierversuchsfrei forschen!" stand daneben: eine Kampagne der "TierVersuchsGegner Berlin und Brandenburg". In Berlin finden seit vielen Jahren keine Versuche mit Affen mehr statt, so viel wusste ich. Warum müssen Tierschützer oft dermaßen übertreiben? Trauen sie ihren eigenen Argumenten nicht? Der zweite Anstoß ging von der Wissenschaft aus: Die großen Forschungsorganisationen in Deutschland haben die Kampagne "Tierversuche verstehen" gestartet. Man wolle die Debatte "versachlichen", sagte ein Professor.

Und so begann ich ein Experiment mit einem einzigen Versuchskaninchen: mir selbst. Ausgangsfrage: Wie grausam sind Tierversuche wirklich, und sollte man sie grundsätzlich verbieten, wie es viele Menschen in Umfragen wünschen? Methode: Schau dir einen der gefürchteten Affenversuche an. Frag Tierversuchsgegner und Forscher nach ihren Argumenten.

Wohl keine Tierversuche empören Menschen so sehr wie die von Hirnforschern, wenn sie Affen Elektroden in den Kopf stecken. Das liegt an Szenen, wie sie 2014 ein von Tierschützern eingeschleuster Tierpfleger am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen aufgenommen hat. Man sieht einen Affen mit kahl rasiertem, blutverschmiertem Schädel, an einem Metallbolzen zerrend, der ihm aus dem Kopf ragt. Ein anderer Affe erbricht sich und sackt in einer Ecke des Käfigs zusammen. Als ich mir die Aufnahmen auf YouTube anschaue, wird mir schlecht.

Es handle sich um Ausnahmesituationen oder inszenierte Szenen, wehrte sich damals der Max-Planck-Direktor Nikos Logothetis. Auch die Untersuchungen der Max-Planck-Gesellschaft ergaben keine schwerwiegenden Verstöße. Trotzdem sah sich Logothetis derart heftigen Anfeindungen ausgesetzt, dass er inzwischen sämtliche Versuche mit Primaten eingestellt hat.