Goethe wollte unbedingt schwimmen lernen. Er glaubte, im Wasser könne er im Einklang mit der Natur leben, frei von den gesellschaftlichen Konventionen des 18. Jahrhunderts. Also entwarf er einen Schwimmgürtel aus Kork, mit dessen Hilfe er sich das Schwimmen selbst beibrachte und angeblich zu einem fantastischen Schwimmer reifte. Selbst im Winter und nachts badete er in Weimar in der Ilm und schwärmte von der wohltuenden Wirkung des Wassers – es helfe gegen Depressionen und diene der Selbstdisziplinierung. Auch der 1788 geborene Dichter Lord Byron, der wohl prominenteste und verwegenste Schwimmer seiner Zeit, vertrieb sich "die sehnsuchtsvolle Leere" bevorzugt mit dem Schwimmen.

Unsere emotionale Nähe zum Wasser, schreibt der Meeresbiologe Wallace Nichols in seinem Sachbuch Blue Mind, sei tief in unserem Unbewussten verankert. Forscher der Plymouth University legten Testpersonen Fotos vor, auf denen mal Wasser und mal kein Wasser zu sehen ist. Die Motive mit Wasser gefielen den Probanden signifikant besser. Der Evolutionsbiologe Neil Shubin macht die Emotionen dafür verantwortlich, dass Wasser auf uns eine magische Anziehung ausübt. Nicht unsere Anatomie prädestiniere uns fürs Wasser, "es liegt an unserer Psyche. Wir haben eine natürliche Affinität zum Wasser." Immerhin sind wir 40 Wochen lang im warmen Fruchtwasser gefloatet.

Dass die Sehnsucht des Menschen nach Wasser genetisch bedingt sei, behauptet dagegen der Evolutionsbiologe Carsten Niemitz. Als sich unsere Ahnen vor rund sechs Millionen Jahren allmählich zu aufrecht gehenden Menschen entwickelten, lebten sie in Wäldern, die sich in unmittelbarer Ufernähe befanden; denn nur hier konnten die Affen im flachen Wasser waten und in kürzester Zeit viel protein- und vitaminreiche Nahrung finden, die für die Entwicklung des Gehirns und sozialer Strukturen notwendig war: Fische und Frösche, Krebse und Schnecken oder Wasserpflanzen wie Seerosenknollen. "Am Wasser zu leben war sehr vorteilhaft, die Überlebenschance viel größer als in der damals entstehenden Savanne", sagt Niemitz. "Deshalb finden es Menschen auch heute noch beruhigend, aufs Wasser zu schauen." Wer ein Ufergrundstück besitzen wolle, müsse dafür manchmal den doppelten Preis zahlen. Das Wissen, dass am Ufer gute Lebensbedingungen herrschen, ist uns also geblieben. Meer, See oder Fluss, Hauptsache, nah am Wasser. Zur Not im Freibad oder am Pool, aus dem ein modernes Prestigeobjekt wurde.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/17.

Dabei schwimmen die meisten Besucher von Freibädern gar nicht, fand Niemitz in einer Studie heraus, sondern suchen dort vor allem die Nähe zum Wasser. Nur Kinder unter zwölf Jahren verbringen fast die Hälfte ihrer Freibadzeit tatsächlich im Becken. Dass wir klares Wasser wie im Schwimmbad besonders mögen, könnte ebenfalls evolutionäre Gründe haben: Im Trüben bleiben die Feinde verborgen, sind Krokodile nicht zu sehen. Wenn wir nicht erkennen können, was unter uns ist, verunsichert uns das.

Die meisten Menschen genießen es, dass Wasser erfrischt und trägt: Schwimmend fühlen wir uns leicht. Das hat natürlich mit Physik zu tun: Je weiter man ins Wasser geht, desto leichter wird man. Wer bis zur Hüfte im Wasser steht, wiegt nur noch die Hälfte, schwimmend gleicht der Auftrieb das Körpergewicht fast aus. Das hat schon der Hollywood-Star Esther Williams genossen, eine frühere Profischwimmerin: "Schwimmen ist das Einzige, was du von deinem ersten Bad bis zum letzten tun kannst, ohne dich zu verletzen", sagte sie, "nur im Wasser bist du schwere- und alterslos." —