Manches Wissen wächst in verdammt hoch gelegenen Gebieten. Trotzdem sollte man sich hin und wieder dorthin aufmachen, auch wenn es richtig anstrengend wird. Willkommen auf dem Pfad der Biodiversität.

Basislager

Gehen Sie erst los, wenn Sie die folgenden Grundlagen in Ihren Rucksack gepackt haben

Wenn Mitteleuropäer wilde Tiere in freier Wildbahn sehen wollen, müssen sie gewöhnlich weit, weit fahren. Zum Beispiel nach Tansania, wo etwa im Ngorongoro-Krater Löwen, Geparden, Elefanten, Zebras, Antilopen aller Art oder eigenartige Vögel wie der Schuhschnabel leben. Oder in den tropischen Regenwald, in dessen Baumkronen es raschelt, schreit, piept, grunzt, denn nirgends ist die Vielfalt der Pflanzen- und Tierarten so sinnlich zu erleben wie in den Urwäldern des Äquatorgürtels. Doch diese Vielfalt ist bedroht.

Anfang der 1980er Jahre vermeldeten Biologen und Naturschützer erstmals den alarmierenden Befund: Jahr für Jahr verschwinden immer mehr Arten unwiederbringlich von unserem Blauen Planeten. Dass Tiere und Pflanzen aussterben, ist an sich kein Drama. "In der Geschichte der Lebewesen stellt das Aussterben den Normalfall dar", stellt Josef Reichholf von der Zoologischen Staatssammlung München klar. Die Saurier, die Trilobiten, der Säbelzahntiger – alle Geschichte. Ihre Spuren finden sich als versteinerte Fossilien in tiefen Erdschichten. Diese Schichten enthüllen auch, dass es seit Entstehung des Lebens fünfmal zu einem massenhaften Artensterben kam. Vor 252 Millionen Jahren, am Ende des Erdaltertums, verschwanden 75 Prozent aller Landlebewesen und 95 Prozent aller Meerestiere innerhalb – geologisch – kurzer Zeit. Die berühmteste Aussterbewelle ereignete sich vor rund 66 Millionen Jahren, als ein gewaltiger Meteorit die Erde traf. Ein Tsunami, Erdbeben und die folgenden Klimaveränderungen rafften die Dinosaurier hinweg, die hinsichtlich ihrer Körpergröße damals die Krone der Schöpfung waren.

Die Alarmrufe der Fachleute aber werden immer lauter: Alles deute daraufhin, dass das sechste Massenaussterben begonnen habe, schätzungsweise verschwänden derzeit 150 Arten pro Tag – maßgeblich verantwortlich sei dafür der Mensch. Auf der seit 1962 geführten Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) nimmt die Zahl der bedrohten und gefährdeten Arten rasant zu, seit 2000 hat sie sich auf rund 20.000 verdoppelt. Setzt sich das fort, droht ein dramatischer Verlust an Biodiversität, an der Vielfalt von Arten und Ökosystemen. Der globale Genpool von Flora und Fauna würde sich ausdünnen, was die Lebensgrundlagen der Menschheit, die sich von Pflanzen und Tieren ernährt, angreifen könnte.

Erster Anstieg

Los geht’s! Auf leichten Anhöhen begegnen Sie Erkenntnissen, die Sie ins Schwitzen bringen können

Kein Vogel zwitschert. Und ein Satz hallt durch den Kopf, als es durch ein karges Geröllfeld sachte bergan geht. "Wir sind genau genommen dabei, das Leben auf der Erde zu vernichten", hat der US-Biologe Paul Ehrlich gemahnt. "Wir", das ist für Ehrlich die moderne menschliche Zivilisation, die Wälder rodet, Flüsse einbetoniert und Ozeane verschmutzt. Biologen haben rekonstruiert, dass seit Beginn der Neuzeit um 1500 zwei Prozent aller Säugetier-Arten, 1,6 Prozent aller Vogel- und zwei Prozent aller Amphibien-Arten verschwunden sind.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/17.

Tatsächlich hat die Menschheit aber schon seit Jahrzehntausenden einiges auf dem Kerbholz. Damals gab es noch auf allen Kontinenten Großsäuger, die oft mehr als eine Tonne wogen, und gewaltige Laufvögel. Das Mastodon, ein Verwandter des Elefanten, weidete in Nordamerika, das Wollnashorn streifte durch Europa, in Australien lebten riesige Beuteltiere und übergroße Kängurus. Flusspferde stapften an den Ufern der Adria durchs Wasser, Stegodonten zogen gemächlich durchs ferne Asien. Dass diejenigen, die auf der Nordhalbkugel lebten, allesamt der Kälte der letzten Eiszeit – genauer: der Würmeiszeit – zum Opfer fielen, ist indes ein Mythos, wie die Forschung heute weiß. Etliche der Riesen haben bis vor rund 11.500 Jahren durchgehalten, als das Eis wieder taute. Von früheren Eiszeitenden, etwa vor 130.000 Jahren, ist anhand der Fossilienfunde bekannt, dass die Riesen sie unbeschadet überlebten. Dafür überlebten sie ein neues Raubtier der ganz anderen Art nicht, den Homo sapiens, der seine Waffen und Jagdtechniken immer weiter verfeinerte.

Schon die Steinzeitmenschen in nördlichen Breiten waren für die Großfauna so bedrohlich wie im 19. Jahrhundert die amerikanischen Siedler, die auf ihrem Zug gen Westen Millionen von Bisons in gewaltigen Herden erlegten, bis nur noch 325 Exemplare übrig waren. Denn auch in Australien, das von Eiszeiten nicht betroffen war, verschwanden bis zum Ende des Pleistozäns, des Zeitalters von 2,5 Millionen bis 10.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung, 13 Arten von Megafauna, wie Tiere über 100 Kilogramm Körpergewicht bezeichnet werden, sowie verschiedene Großvögel.

Die Besiedlung der Inseln Polynesiens, die vor rund 3.000 Jahren begann, hatte ähnlich katastrophale Folgen. Bei diesen Inseln handelte es sich im Wesentlichen um Vogelinseln, auch in Neuseeland gab es nur drei Echsenarten und außer Robben und Fledermäusen keine Säugetiere. Aus Mangel an Fressfeinden entwickelten sich dort zahlreiche flugunfähige Vögel, einige wie der neuseeländische Moa über drei Meter groß. Der Moa starb schließlich im 14. Jahrhundert aus, überjagt von den hundert Jahre zuvor eingewanderten Maori.

Wo immer der Homo sapiens seit seinem Ausschwärmen in die Welt hinkam, fielen ihm ganze Tierarten zum Opfer. "Das Ausmaß des frühen Artenschwunds von vor ungefähr 50.000 Jahren bis zum Beginn der modernen Kolonisation um 1500 n. Chr. war enorm und in seinen Auswirkungen einmalig in der Erdgeschichte", sagt Bruno Streit, Biologe und Biodiversitätsexperte von der Universität Frankfurt am Main. Das menschgemachte Artensterben ist also nicht neu.

Artenschutz - "Vorsicht mit Haustieren aus dem Zooladen“ Der eigene Papagei, entführt aus Afrika? William Crosmary von der NGO Traffic erklärt im Video, woher manches deutsche Haustier stammt. © Foto: Shutterstock