Es ist Wochenende, und Linda hat auf ihrer Suche nach einer festen Beziehung gleich zwei Tinder-Dinner-Dates. Freitag Tom, Samstag Hans. Am Freitag bestellt Linda Saltimbocca. Tom ist Vegetarier. Linda erzählt, dass sie in zwei Wochen in den Urlaub fährt, all-inclusive auf den Malediven. Tom war gerade drei Wochen wandern in Abchasien. Linda sagt, sie sei nicht so scharf auf Kinder. Tom will fünf. Am Samstag bestellt Linda Steak. Hans auch. Linda erzählt vom bevorstehenden Urlaub. Hans kommt gerade von den Malediven zurück. Linda sagt, sie wolle eher keine Kinder. Hans möchte auch keine.

Mit wem soll Linda gehen? Wenn Sie jetzt sagen: Mit Tom, denn Gegensätze ziehen sich an, dann haben Sie sich ja wohl gründlich geschnitten, und ehrlich mit sich selbst waren Sie vermutlich auch nicht. Oder haben Sie selbst schon einmal ernsthaft die Nähe eines Menschen gesucht, dessen Lebenseinstellung mit Ihrer eigenen offensichtlich keinerlei Überschneidungen hatte? Wenn die Rede von Menschen ist und nicht von Ladungen und Magneten, dann stoßen sich Gegensätze ab. Wir wissen doch alle, wie schwierig zum Beispiel Gesprächsversuche mit Leuten sind, die politisch völlig anders ticken als man selbst. Glückliche Ehen zwischen Nazis und Kommunisten sind eher selten.

Psychologen der Universitäten Wellesley und Kansas haben 2016 in einer Studie mit 1.500 Paaren herausgefunden, dass wir im anderen von Anfang an nach den Gemeinsamkeiten suchen – das gehört zu unserem psychischen Grundgerüst. Besonders wichtig sind Gemeinsamkeiten in Dingen, die einem am Herzen liegen. Eine tiefgläubige Katholikin wird Schwierigkeiten mit einem Atheisten haben, ein Gesellschaftstier mit einem Einsiedler. Hinzu kommt: Menschen lassen sich von ihren Partnern offenbar kaum beeinflussen. Mit bestehenden Dissonanzen muss man also leben lernen. Interessant ist, dass das offenbar in unterschiedlichem Maß gelingt.

Eine Studie der Psychologen Nathan Hudson und Chris Fraley an der Universität von Illinois untersuchte die Frage, in welchen Bereichen Gemeinsamkeiten besonders wichtig sind. Dafür ließen sie ihre Probanden Tests durchlaufen, die Aufgeschlossenheit, Perfektionismus, Geselligkeit sowie Empathie und Verletzlichkeit maßen. Das Ergebnis: Für Paare sind Ähnlichkeiten vor allem bei Empathie und Verletzlichkeit bedeutsam; zwei Holzklötze kommen miteinander klar, Holzklotz und Primel eher nicht. Ähnlichkeiten in Aufgeschlossenheit, Perfektionismus und Geselligkeit sagen hingegen nicht viel über die Chancen eines Paares aus.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/17.

Daraus folgt: Linda wird eher mit Hans gehen, denn Gleich und Gleich gesellt sich gern. Ob ihre Gemeinsamkeiten am Ende für eine funktionierende Beziehung reichen, muss sich aber erst zeigen – weswegen man übrigens niemals schon nach nur einem einzigen Date heiraten sollte. Denn nach einer Weile wird Linda bei Hans Neigungen entdecken, die sich mit ihren nur bedingt decken. Trostreich ist: Das geht allen so, auch den glücklichsten Paaren. Entscheidend, das besagt eine Studie der Universität Columbia, wird am Ende sein, ob die Partner mit dem Maß an Übereinstimmungen zufrieden sind. Ob sie den Abstand, der zwischen ihnen besteht, als angenehm empfinden oder nicht.

Im schlimmsten Fall sind sich Linda und Hans also unglaublich ähnlich – sie wollen keine Kinder, lieben Fleisch und die Malediven –, bloß hat Hans ein viel größeres Bedürfnis nach Nähe als Linda und nervt sie bald tierisch. Und die sehnt sich dann nach einem wie Tom. Einem, der mal für ein paar Wochen allein in die Karpaten fahren möchte.

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.