Der Mensch sei ein Mängelwesen, schrieb der Philosoph Arnold Gehlen 1940. Darin scheint der Fortschrittsmythos zu gründen: Weil seine in der Evolution entwickelten Organe zu schwach sind, versucht der Mensch diesen Mangel mittels Technik auszugleichen. Dumm nur: Zahlreiche Probleme, denen er sich gegenübersieht, hat der Mensch sich selbst eingebrockt. Also setzt er seine technische Fantasie in Bewegung, um ein Ding zu erfinden, das es besser kann als er. Und immer nagt der Zweifel weiter: Ist das schon gut genug, oder kann man das noch besser machen? Zum Beispiel: Der Regenschirm

Das Problem

Wenn man bei sengender Sonne unterwegs ist, sehnt man sich nach Schatten. Doch dazu müsste man sich unter einen Baum stellen. Schon in der Antike entdeckten Menschen, von Ägypten bis China, dass beim Gehen ein Schirm über dem Kopf den Baum ersetzen könnte. In diesen Genuss kamen allerdings nur Fürsten und Würdenträger. Das war auch in Europa so, wohin der Schirm nur sehr allmählich seinen Weg aus Asien fand. Vermutlich im 17. Jahrhundert entdeckten die Damen der feinen Gesellschaft in Frankreich, dass der Sonnenschutz auch als Regenschutz dienen kann. Überzog man die Schirme, die anfangs aus Seide gewesen waren, mit einer Wachsschicht, hielten sie die Regentropfen ab. Nun blieb der Kopf trocken.

Ist das schon gut genug?

Diese frühen Schirme waren jedoch starr: Die Schienen, auch Speichen genannt, an denen der Stoff aufgespannt war, saßen fest in der Schirmkrone. Solange nur die Hautevolee damit herumspazierte, genügte das. Der Pariser Händler Jean Marius kam 1710 auf die Idee, dass man die Schienen beweglich anbringen könnte, dann ließe sich der Schirm zusammenfalten. Marius befestigte an der Mitte einer jeden Schiene dünne Stangen, die nach unten in einem Ring am Stock zusammenliefen. Dieser Ring diente als "Schieber": Schob man ihn am Stock in die Höhe, drückten die Stangen die Schienen auseinander und spannten so den schlaffen Stoff zum Schirm auf. Damit hatte Marius für den Hebel – wie Rad, Keil (schiefe Ebene) und Umlenkrolle eine der "einfachen Maschinen" in der Technikgeschichte – eine neue, elegante Anwendung gefunden: Über den Schieber wird die Kraft auf mehrere Stangen übertragen, die alle Schienen gleichzeitig in die Höhe drücken. Arretiert man den Schieber über einen Widerhaken am Stock, bleibt der Schirm gespannt.

Ist es jetzt gut genug?

Hans Haupt, ein ehemaliger Bergbau-Beamter in Breslau, fand 1928, dass man das noch besser machen könnte. Seit Jean Marius’ Zeiten hatten sich die Materialien geändert, Schienen und Stöcke wurden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Stahl gefertigt, die Bespannung bestand aus Baumwolltuch. Die Konstruktion aber war dieselbe geblieben. Der gehbehinderte Haupt ärgerte sich nun darüber, dass er zusätzlich zum Gehstock noch einen langen Schirm mit sich herumtragen musste. Er wollte einen Schirm, den man in die Tasche stecken kann. Also ersetzte er den starren Stock durch einen Teleskopstock, in dem die einzelnen Glieder mit sogenannten Sperrkugeln festgehalten werden, wenn man sie auseinanderzieht. Schienen und Stangen versah er mit je zwei Gelenken, ähnlich Insektenbeinen, an denen sie sich zusammenfalteten, wenn man den Teleskopstock wieder zusammenschob. Der "Knirps" war geboren und kam 1932 auf den Markt. Er wurde begeistert aufgenommen: Bei einer Umfrage des britischen Patentamts zur selben Zeit hatten nämlich 3.000 Befragte den Wunsch nach einem kompakten, tragbaren Regenschirm geäußert.

Und nun? Endlich fertig?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/17.

Wer je bei stürmischem Regenwetter mit aufgespanntem Schirm in ein Auto springen wollte, weiß, dass es noch ein Problem gibt: Weil die Schienen des Schirms sich nach unten, zum Stock hin schließen, muss man die Tür weit auflassen – und wird richtig schön nass. Könnte man nicht einen Schirm konstruieren, der sich in umgekehrter Richtung zusammenfaltet, wie ein Blütenkelch, der sich zur Nachtruhe schließt? Verschiedene Erfinder haben daran herumgetüftelt, der britische Luftfahrtingenieur Jenan Kazim fand schließlich 2009 eine Lösung, die es inzwischen bis zur Produktion gebracht hat. Statt die Schienen an der Schirmkrone zu befestigen, montierte er zwei weitere Ringe an den Stock. Nur der Stoff ist an der Krone befestigt. Zieht man den Schieber nach unten, werden die anderen beiden Ringe über Verbindungsstangen mit heruntergezogen und nehmen die Schienen mit sich. Mit einer ausgeklügelten Anordnung weiterer Verbindungsstangen schaffte Kazim die dritte Neuerfindung des Regenschirms – nennen wir sie den "Blütenkelch-Effekt". Lucius Burckhardt, der humorvolle Designtheoretiker, hätte seine Freude gehabt, denn neben seinen klugen Bemerkungen zu Design und Technik hat er auch die Wissenschaft vom Spazierengehen, die "Promenadologie", begründet. Und zu einem guten Spaziergang gehört in Mittel- und Nordeuropa ein Regenschirm.