Der Körper ist der ideale Partner fürs Leben: Er ist unternehmungslustig und doch treu, er läuft nicht weg und bringt uns voran. Ein Spitzentyp! Doch so ganz einfach ist die Beziehung zwischen dem Ich – das ist dieses zwischen den Ohren sitzende Gefühl, jemand zu sein – und dem Körper auch nicht. Da gibt es Reibereien, Missverständnisse, echte Krisen bis hin zur Zerrüttung. Manchmal reicht schon eine Runde Joggen, um einen handfesten Streit zu provozieren.

Körper: Dein linkes Bein kann nicht mehr.
Ich:
Lass mich in Ruh’.
Körper:
Ich tu dir jetzt richtig weh, damit du das begreifst.
Ich:
Au. Fünf Kilometer wollte ich laufen. Fünf, nicht einen halben. Aber bitte, ganz wie du willst, dann lass ich’s halt.
Körper:
Nein, bloß nicht! Endlich läufst du mal wieder, ich brauch mehr Bewegung.
Ich:
Was denn nun? Dir kann man es nicht recht machen.
Körper:
Das sagst gerade du. Erst vernachlässigst du mich, und dann soll ich plötzlich so tun, als sei alles in bester Ordnung. Zum Sex bin ich gut, aber sonst ...
Ich:
Ach was, schütt lieber ein paar Glückshormone aus, diese Endorphine, dann spür ich das Bein nicht so.
Körper:
Mag jetzt nicht.
Ich:
Der Herr ist beleidigt?
Körper:
Der Herr funktioniert nicht auf Knopfdruck.
Ich:
Lieber Himmel, bist du kompliziert. Soll ich dich zum Arzt schleppen?
Körper:
Du verstehst mich einfach nicht.

Man sieht: Beziehungsstatus kompliziert.

Der Körper und das Ich. Porträt einer besonderen Partnerschaft.

Die Unzertrennlichen

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/17.

Fieber ist ein Alarmruf des Körpers, eine Mobilmachung gegen Eindringlinge, vor allem gegen Bakterien. Zum Beispiel bei einer Mandelentzündung oder einer Bronchitis. Die erhöhte Temperatur wirkt wie eine Fanfare mit einem anschließend gebrüllten "Zu den Waffen!" auf das Immunsystem: Die Abwehrzellen – Granulozyten, Makrophagen und Lymphozyten – werden flottgemacht und vermehren sich rascher, die Antikörper-Produktion läuft auf Hochtouren. Doch Fieber ist auch ein deutliches Signal an das Ich. Es vermittelt ein Gefühl der Kraft- und Lustlosigkeit, man fühlt sich sogar zu schlapp, um ein Buch zu lesen oder einen Film zu schauen. Das Einzige, was noch geht: sich unter die Bettdecke zu verkrümeln und zu schlafen. Und genau das will der Körper. Fieber ist seine unmissverständliche und etwas derbe Art, dem Ich mitzuteilen: Lass mich in Ruhe, ich hab zu tun!

Dass Fieber so umfassend auf das Gemüt wirkt, vermittelt eine Ahnung davon, wie eng der Körper und das Ich miteinander vernetzt sind. Meist merken wir von dieser innigen Verbindung jedoch nichts. Denn nur die wenigsten Durchsagen des Körpers erreichen das Bewusstsein, die meisten werden vom vegetativen Nervensystem verarbeitet. So weiß das Gehirn zwar ständig in etwa, wie hoch der Blutzuckerspiegel ist und welche Teile des Verdauungssystems gerade besonders aktiv sind, aber das wird uns nicht bewusst. Erst wenn der Körper Nährstoffe oder Flüssigkeit braucht, erreicht ein Hunger- oder Durstgefühl das Bewusstsein.

Dank der Körperwahrnehmung, in der Fachsprache Interozeption genannt, ist das Gehirn auch ständig darüber informiert, wo sich der linke Arm oder der kleine Finger der rechten Hand befindet. Der Körper ist im Gehirn abgebildet: Für jedes Organ, jede Gliedmaße ist ein eigenes Areal zuständig, das die Wahrnehmungen aus den entsprechenden Körperteilen verarbeitet. Das Lehrbuch veranschaulicht das mit einem kleinen Männchen, Homunculus genannt, das auf die Hirnrinde gezeichnet ist: Wie im Körper liegen hier die Regionen für Füße, Beine, Po nebeneinander, auch die für Arme, Hände, Finger und die für Augenlider, Nase, Lippen.

Einige Meldungen des Körpers können wir bewusst wahrnehmen, aber wir müssen uns darauf konzentrieren. Wer versucht, seine Herzschläge zu zählen, ohne den Puls zu fühlen, wird erst einmal Schwierigkeiten haben. Olga Pollatos, Professorin für Klinische und Gesundheitspsychologie an der Universität Ulm, hat bei 1.350 Kindern untersucht, wie gut sie über einen kurzen Zeitraum ihre eigenen Herzschläge zählen können, indem sie einfach in sich hineinhörten und -fühlten. Interessanterweise schnitten die Jungen dabei signifikant besser ab als die Mädchen. Den Unterschied zwischen den Geschlechtern erklärt sich Pollatos mit körperlicher Aktivität: "Die Jungen machen etwas mehr Sport. Vieles deutet darauf hin, dass dies die Körperwahrnehmung steigert."

Doch auch wenn die Wahrnehmung nicht immer akkurat ist, so scheint doch die Befehlskette klar zu sein: Das Ich gibt die Anweisungen, der Körper führt sie aus. Neueste Forschungen zeigen jedoch, dass die Hierarchie gar nicht so eindeutig ist. Das Gehirn ist nicht der alleinige Bestimmer und der Körper nicht nur ausführendes Organ.