Joseph Vogls linker Arm steckt in einer Schiene. Fahrradunfall. Er sei ein irrsinnig aggressiver Fahrer, sagt er. Auf dem Rad, aber auch im Auto. Schreit gern herum. Geriet deswegen auch schon mal in eine Prügelei. Er lacht. Er wünschte, er wäre da anders. Joseph Vogl ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er forscht unter anderem zur Theorie des Wissens, zur Geschichte der Gefahr und fordert in seinem Buch "Das Gespenst des Kapitals" eine Entzauberung der Finanzmärkte. Er sagt, er habe das ganze Wochenende über unser Thema Anstand und Benimm nachgedacht. Und fragt höflich, ob er rauchen darf.

ZEIT Wissen: Herr Vogl, wir würden gerne mit einer Begriffsklärung anfangen: Anstand, Benehmen, Höflichkeit, Etikette, Manieren – wo liegen die Unterschiede?

Joseph Vogl: Auf der einen Seite gibt es das Extrem der Etikette: ein Satz relativ starrer Regeln, so etwas wie Benimmregeln bei Tisch oder Konventionen bei der Begrüßung. Auf dem Gegenpol würde ich Anstand und Manieren sehen. Da geht es vor allem um Geschicklichkeit im Umgang mit anderen Leuten. Darum, eine gewisse Beweglichkeit im geselligen Verkehr zu garantieren.

ZEIT Wissen: Was ist dabei am wichtigsten?

Vogl: Sich selbst zurückzunehmen. Dass man sich bemüht, dem Ich eine Form zu geben, die nicht am Individuellen klebt, und bereit ist, einen Raum zu öffnen, in dem sich Gegenseitigkeiten entwickeln können. Man muss sich die Gelegenheit, aber auch die Zeit geben – und auch anderen die Zeit geben –, soziale Spielräume zu testen, Anknüpfungen zu ermöglichen. Zeitdruck erschwert gute Manieren.

ZEIT Wissen: Die Zeit ist oft knapp, und man mag nicht immer jeden – wie viel Lüge steckt in guten Manieren?

Vogl: Das würde ich entdramatisieren. Anstand und Manieren, also dieses eigentümliche Theater, das man dabei aufführt, bedeuten eine recht biegsame Vermischung von Ästhetik und Moral. Es werden dabei ganz ernsthaft bestimmte moralische Regeln respektiert, aber gleichzeitig spielt man und produziert bloßen Schein, man operiert mit Masken. Ohne diese Scheinhaftigkeit würde es nicht funktionieren. Aber das würde ich noch nicht Lüge nennen.

ZEIT Wissen: Gute Manieren werden auch genutzt, um ganz eigene Ziele zu verfolgen.

Vogl: Es gibt eine warme und eine kalte Seite. Die warme Seite guter Manieren ist die Öffnung des sozialen Raumes. Die kalte Seite erhöht die Distanz. Hier geht es um Selbstschutz und heimlichen Selbstgewinn, man gibt seine Absichten und Interessen nicht preis.

ZEIT Wissen: Höflichkeit kann sehr abweisend sein.

Vogl: Ja, mit bestimmten Formen der Höflichkeit kann ich mir Aufdringlichkeiten vom Leib halten und Nachfragen vermeiden, Berührungs- und Reibungsflächen minimieren. Ich kann so an Leuten vorübergehen, ohne mich mit ihnen verwickeln zu müssen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/17.

ZEIT Wissen: Es kann also auch einfach nett verpacktes Desinteresse sein?

Vogl: Höflichkeit ist zunächst einmal eine diplomatische Abstandsstrategie. Wer höflich ist, umarmt nicht, rückt niemandem auf den Pelz, signalisiert, dass er selbst nicht bedrängt werden möchte. Das heißt nicht, dass nicht später vielleicht mehr denkbar wäre, aber zunächst einmal wird ein Platz freigeräumt, auf dem sich anstrengende Formen der Direktheit, des Handgemenges, der Aufdringlichkeit, der affektiven und physischen Behelligung minimieren.

ZEIT Wissen: Wie sind solche Regeln entstanden?

Vogl: In kohärenten Sozialmilieus mit hohen Zugangsschwellen, in hierarchisch geordneten Gesellschaften: Es gab strenge Verhaltensregeln am Hof, in Salons, in Zünften.

ZEIT Wissen: Und sie dienten dazu, sich abzugrenzen?

Vogl: Ein Ursprung von Anstandsregeln sind natürlich Distinktionsbedürfnisse: Man plakatiert Abgrenzungen nach außen und unten, demonstriert eine privilegierte Zugehörigkeit. Das gute Benehmen hätte hier einen hierarchischen, autoritären Kern. Vulgarität kommt von vulgus, und vulgus ist das niedere Volk, die Masse. Gutes Benehmen reklamiert also eine Unterscheidung vom Pöbel, vom Vulgären. Und ist damit per definitionem ein Ausschlusskriterium. Der Begriff "Höflichkeit" verweist schon auf eine aristokratische Tugend. Daraus ergäbe sich die These, dass es tatsächlich Verhaltensformen bei Hofe waren, die ins Bürgerliche abgesunken sind: soziale Regeln, die sicherstellten, dass man sich geschickt, leicht, erfolgreich und unfallfrei in schwierigem Gelände bewegt.

ZEIT Wissen: Das ist aber doch das Gegenteil davon, einen sozialen Raum zu öffnen.

Vogl: Vielleicht gibt es noch eine andere Herkunft des Anstands, die auch mit Autoren wie Knigge verbunden ist: dass Manieren gerade dann eine wichtige Funktion bekamen, als sich geschichtete Gesellschaften auflösten, beispielsweise gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Knigge ist interessant, weil sein Buch in der ersten Auflage 1788, in der zweiten Auflage 1790 erschien: Dazwischen fand die Französische Revolution statt. Das ist ganz wichtig für das ganze Buch. Und das spiegelt sich auch im Titel – der lautet nicht etwa Über Anstand oder Über Benimm, sondern: Über den Umgang mit Menschen.