Krankheiten sind häufig eine Belastungsprobe. Nicht nur für den Körper, sondern auch für die Beziehung. Banal, aber nervtötend: die Erkältung. Da laufen nicht nur im Betroffenen heftige Kämpfe ab, zwischen dem Immunsystem und den Erkältungserregern. Nein, auch im Umfeld des Kranken kommt es zu, sagen wir mal: Spannungen. Etwa wenn der Betroffene mal wieder die Nacht durchhustet und damit alle Nichtbetroffenen wachhält. Oder wenn er mit keimverseuchten Taschentüchern den Weg ins Schlafzimmer pflastert. Bei uns gab es einen weiteren Konflikt. Inzwischen haben wir ihn aus dem Weg geräumt, aber es ist noch nicht allzu lange her, dass ... Ach, am besten von vorn.

Immer wenn eines unserer Kinder krank war – Schnupfen, Husten, Ohrenschmerzen, das Übliche eben –, kam es zum Disput zwischen uns Eltern. Die eine von uns (wir nennen keinen Namen) hatte dann schnell den Telefonhörer in der Hand, um den Kinderarzt anzurufen; der andere (wir nennen wieder keinen Namen) war meist dafür abzuwarten. Das lief dann etwa so:

"Lass uns erst mal sehen, ob es nicht von selbst besser wird."

"Aber der Kleine hat doch Ohrenschmerzen, ich denke, der Kinderarzt sollte da unbedingt mal reinschauen."

"Ich glaube, Nasentropfen und ein Schmerzzäpfchen reichen. Wir müssen nicht zum Arzt."

"Ja, aber findest du denn nicht auch, dass der Junge schlecht hört? Das müssen wir doch abklären lassen!"

"Der hört doch gerade eh nicht, auf uns schon gar nicht. Da kann auch der beste Arzt nichts machen."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/17.

Meist endete der elterliche Disput mit dem Besuch beim Doktor. Und schließlich in der Apotheke, um das verschriebene Antibiotikum zu besorgen. Wir gingen eben auf Nummer sicher, wie man gerne sagt. Doch sicher war daran nur, dass das Mittel unseren Kindern nichts nutzen würde. Wir ahnten es damals schon, nein: Eigentlich wussten wir es. In der Theorie zumindest. Wir haben beide Medizin studiert, und da lernt man, dass die allermeisten Atemwegserkrankungen durch Viren verursacht werden. Und gegen die richten Antibiotika nichts aus, sie wirken nur gegen Bakterien. Aber es ist dann eben doch etwas anderes, wenn das eigene Kind krank wird. Dann will man, dass sofort etwas getan wird. Denn es könnte ja zu Komplikationen kommen, und man könnte ja die Ausnahme der Erkälteten sein und doch vom Antibiotikum profitieren. Außerdem kann man doch nicht einfach nichts tun!

So wie uns geht es vielen Menschen. Und sind sie erst einmal beim Arzt, ist die Erwartung groß, dass etwas getan wird. Schließlich sitzt man nicht gern mit laufender Nase, Kopf- und Gliederschmerzen oder anderen Malaisen stundenlang im überfüllten Wartezimmer, um dann zu hören: "Da machen wir erst einmal gar nichts!" Viele Ärzte wissen das genau. Ihnen fehlt dann oft der Mumm, nichts zu tun und abzuwarten.