Bald ist es wieder so weit, dann fällt (hoffentlich) von oben der erste Schnee, und unten auf der Erde leuchten die Augen. Bis einer ausrutscht, und alle wissen: Jetzt geht es wieder los. Der da liegt, ist nur das erste Opfer des Winters, ein Vorbote von Prellungen auf Pappschnee und Blechschäden nach Blitzeis – jetzt beginnen sie wieder, die kältestarren, zittrigen, langen, dunklen Monate. "Der Winter zähmt Mensch und Tier", schrieb schon Shakespeare. Der Winter, er liebt es langsam und zwingt dem Leben sein Tempo auf, er legt den Alltag auf Eis und lässt die Scheiben der Autos über Nacht erblinden.

Seit je leistet der Mensch nach Kräften Widerstand. Doch wie kläglich war lange Zeit sein Versuch, dem Winter zumindest die Wege wieder abzutrotzen. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren seine einzigen Waffen die Schippe, die Schaufel, der Schlitten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein galt: Jeder hilft mit beim Winterdienst, vorher ist an das Tagwerk nicht zu denken. Ob Schüler, Bauer oder Metzger – alle schippten unermüdlich den Neuschnee an den Rand der Wege oder wuchteten ihn auf Pferdeschlitten, die ihn dann wegbrachten. Die Hufe der Pferde härteten dabei die Wege, was zwar für jene rutschig werden konnte, die zu Fuß unterwegs waren, aber immerhin kamen Schlitten oder Kutschen auf diese Weise besser voran.

Doch das alles war nicht mehr genug, als die Städte größer wurden. Zu viel Schnee, zu viel Stillstand. Die Städter begannen, Menschen für das Schippen zu bezahlen. Und sie kamen auf die Idee, Pferde oder Ochsen riesige, mit Steinen beschwerte Trommeln durch die Stadt ziehen zu lassen. Diese "Schneeroller" sollten den Schnee zusammenpressen, platt machen, begeh- und befahrbar machen. Eine ganz passable Idee war das, eine bessere Idee aber setzte sich durch: Man baute Holzschlitten, die aussahen wie ein V. Gezogen vom Nutzvieh, schob der Schlitten den Schnee zur Seite – der Schneepflug war erfunden! Und ein neues Problem kam über die Welt: Schneehaufen.

Geschäftsleute verklagten nun – gegen Ende des 19. Jahrhunderts – regelmäßig die armen Schneeräumer, denn diese türmten, wenn viel Schnee gefallen war, eisige Gebirge vor den Schaufenstern der Geschäfte auf. Die Lösung: Schneearbeiter fuhren mit Pferdekarren hinter den Pflügen her, transportierten den zur Seite geschobenen Schnee ab und warfen ihn in den Fluss, wo er wegschmolz. Ein Jobwunder zur Weihnachtszeit.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/17.

Im Jahr 1888 zog ein brutaler Blizzard über die USA hinweg, nach drei Tagen lagen an manchen Stellen eineinhalb Meter Schnee. Die Pferde mussten in den Ställen bleiben, nichts ging mehr. Die Lehre daraus: mehr Pflüge, andere Pflüge, bessere Pflüge. Und so wurden Anfang des 20. Jahrhunderts Schneepflüge erfunden, die sich mit Automobilen nutzen lassen; in den USA montierte man die Champion-Schneepflüge der Firma Good Roads Machinery an Trucks, und auch der New Yorker Carl Frink sowie die norwegischen Brüder Hans und Even Øveraasen bauten erste Schneepflüge. Sogar Fords berühmtes Model T wurde als Schneepflug genutzt, indem der Pflug vor das Auto montierte wurde. Außerdem wurde fortan viel gestreut, mit Sand, Asche und Salz. Der Fortschritt konnte es nun aufnehmen mit dem Schnee, der Winter schien auf dem Rückzug. Bis nach zwei langen Weltkriegen wieder Pferde hölzerne Schneepflüge hinter sich her durch die zerstörten Städte Europas ziehen mussten.

Heute sind Schneepflüge selbstverständlich. Sie werden kaum beachtet, außer sie sind mal nicht ausreichend oder schnell genug vor Ort. "Winterchaos!", titeln dann die Zeitungen. Damit das möglichst nicht vorkommt, gibt es zum Beispiel in Frankfurt am Main fast 100 Schneepflüge, in Berlin rund 540 und in München etwa 600. Ein Schneepflug aus Oberbayern schaffte es vor ein paar Jahren sogar in die Schlagzeilen, weil mit ihm ein Dieb verfolgt und schließlich auch gefangen wurde, der über ein tief verschneites Feld geflüchtet war.

Schneepflüge sind mit den Jahren immer größer und komplexer geworden, heute haben manche sogar Asphaltthermometer an Bord, die während der Fahrt die Temperatur der Straße messen. Die Pflüge sind so groß, dass es eine Kunst ist, sie zu steuern. Gerade fand die deutsche Schneepflug-Meisterschaft statt. Zwei siegreiche Teams aus Brandenburg und eins aus Nordrhein-Westfalen vertreten im kommenden Februar Deutschland bei der Schneepflug-Weltmeisterschaft in Danzig. Dort müssen die Konkurrenten Verkehrshütchen umkurven, Fässer verschieben, über Rampen, im Slalom und rückwärts fahren. Die derzeitigen Weltmeister kommen aus Andorra. Und die Zukunft kommt vielleicht aus Saint Paul, USA. Dort werden Anfang kommenden Jahres die besten selbstfahrenden Pflüge ausgezeichnet. Der Wettbewerb wird zum achten Mal ausgetragen, die Roboter werden jedes Jahr besser, Yeti 8.0 hat gute Chancen auf den Sieg.

Vielleicht räumen die autonomen Schneepflüge in nicht allzu ferner Zeit die Straßen für selbstfahrende Autos frei. Dann wäre der Mensch, der sich mit seinem Pflug nach Kräften gegen den Winter wehrt, endgültig Schnee von gestern. —

Sven Stillich mag das Wort Pflugscharen und bereitet sich mit der großartigen Band The Surfing Magazines auf den Winter vor. Er wird im Februar stets vom Schnee überrascht.