Auf einer Aue nahe der Gemeinde Bilzingsleben in Thüringen, umflossen von der Wipper im Osten und dem Wirbelbach im Süden, fanden Forscher das womöglich erste Stück, auf dem ein Mensch seine Gedanken festgehalten hat: ein längliches Teil vom Schienbein eines Eurasischen Altelefanten, rund 370.000 Jahre alt. Darauf ritzte ein Homo erectus, einer unserer ganz frühen Vorfahren, mehrere Striche: symmetrisch, längs und quer. Computeranalysen ergaben, dass die so nicht zufällig entstanden sein konnten, etwa beim Herstellen von Werkzeugen oder Abschaben des Fleisches. Es muss ein bewusster Versuch gewesen sein, einen Gedanken, ein Gefühl, eine Information außerhalb des eigenen Körpers zu speichern. Eine kleine Armbewegung mit unermesslicher Bedeutung: Der Mensch begann, sein Innerstes, sich selbst, der Welt einzuritzen.

Welcher Gedanke es damals war, weiß heute keiner mehr, und es ist auch für lange Zeit das einzige derartige Zeugnis geblieben. Erst sehr viel später, rund 40.000 Jahre vor heute, beginnen die Menschen, die Dinge, die sie umgeben, so kontinuierlich mit Zeichen zu versehen, dass sie in größerer Zahl gefunden und analysiert werden können: Kerben auf Figuren, Werkzeugen, Flöten, Schmuck. Erst sehr schlicht, dann immer komplexer. Sie markierten, so wird vermutet, Besitz, Mondphasen, Jagderfolge, Menstruationszyklen. "Was das Schreiben mit dem Einzelnen gemacht hat, wissen wir nicht", sagt Ewa Dutkiewicz, "sicher aber ist, dass es die Gesellschaft massiv verändert hat." Dutkiewicz ist Archäologin an der Universität Tübingen und erforscht dort die ersten vom Menschen markierten Fundstücke. Ganz am Anfang, sagt sie, sei das Schreiben wahrscheinlich etwas sehr Spirituelles gewesen. Von Schamanen, Heilern, Anführerinnen. Da sitzt der Einzelne und schnitzt, ist im Dialog mit sich, vielleicht mit den Ahnen. "Die ersten Symbole des Menschen hatten immer auch etwas Mystisches und Magisches."

In der Uruk-Zeit, gut 3300 Jahre vor Christus, waren es dann Krämer, die ein größeres Zeichensystem erfanden, um besser handeln zu können: Symbole für Wolle, Rind, Milch, eingeritzt in Ton, den sie den Karawanen mitsamt der Ware mitgaben, in etwa wie einen Lieferschein, damit der Empfänger prüfen konnte, ob alles angekommen war. Aus den Zeichen für Waren wurden Silben – die zu neuen Wörtern zusammengesetzt werden konnten. Könige ließen daraus ihre Namen schreiben und dann ihre Taten an die Palastwände.

Gott, Geld, Macht – immer schien die Schrift ein Mittel zum Zweck, was keiner bedachte: Sie wirkt auch nach innen. "Botschaften über weite Distanzen, aber auch über Generationen übermitteln zu können führt zu neuen Vorstellungen von Raum und Zeit", sagt Dutkiewicz. Andere Formen von Herrschaft entstehen: Wer hat Zugang zum Wissen? Wer darf interpretieren, was da steht? Die Gemeinschaften werden komplexer, die sozialen Fragen auch, erste religiöse Texte entstehen.

Der tschechische Medienphilosoph Vilém Flusser glaubte, Menschen kommunizierten und speicherten Informationen nur aus einem Grund: um "die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu machen". Der Mensch, von der Welt verstoßen, nutze Symbole, um die Kluft zwischen sich und der Welt zu überbrücken: kleine Zeichen, die die Welt bedeuten, sie strukturieren und Orientierung in ihr schaffen. Allerdings können Symbole auch täuschen, sie bilden die Welt nie eins zu eins ab, sondern konstruieren stets in ihrem Beschreiben. Das Schreiben sei ein "Reißzahn in die Abgründe der Vorstellungen", der diese Vorstellungen in Begriffe umcodiert, schreibt Flusser in seinem Buch Die Schrift.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/17.

Wenn Worte unsere Körper verlassen und zu Material werden, zu Rillen im Stein, digitalen Lichtpunkten auf dem Bildschirm, zu Tinte auf Papier, dann treten wir in einen besonderen, vor allem uns selbst prägenden Kontakt mit der Welt. Bereits Ende der sechziger Jahre hatte der Philosoph Jacques Derrida die radikale These formuliert, dass es ohne das Schreiben gar kein Denken gibt. Genau so. Nicht andersherum. Schrift sei nicht nur Ausdruck des Gedachten, sondern gehe ihm voraus: Allein die Möglichkeit, das Denken außerhalb des Körpers festzuhalten, verändere es. Lorenz Engell, Professor für Medienkultur an der Bauhaus-Universität in Weimar, schließt sich der These an. Natürlich gebe es Kulturen, die nicht schreiben und trotzdem denken, sagt er. Aber in der europäischen Kultur sei das Denken nicht ohne das Schreiben vorstellbar. Wir befinden uns immer in einem Spiel mit dem Außen, mit dem Früher oder Später, verkörpert durch Schrift. Die Folgen: "Man diskutiert anders, wenn das, was man sagt, gespeichert und überprüft werden kann", sagt Engell, "Ideen von Kohärenz und Linearität entstehen." Wir erwarten, dass sich klare Gedanken nacheinander entfalten. Erstens, zweitens, drittens. Dass sie sich in Buchstaben, Worten, Satzkonstruktionen entlang der Zeilen anordnen. Anders als in einer Szenerie, beim Fühlen oder auch auf einem Bild, wo alles gleichzeitig passieren kann.

Und nicht nur dass wir schreiben, beeinflusst unser Denken, sondern auch, wie. Als Friedrich Nietzsche Ende des 19. Jahrhunderts zu erblinden begann, konnte er Buchstaben nur noch verzerrt sehen, und auch seine Handschrift litt. Er war der erste Philosoph, der von der Feder auf eine Schreibmaschine umstieg, damit er die Buchstaben mit seinen Fingern ertasten konnte. Seine Maschine hatte nur Großbuchstaben und hakte oft. Mit festen Hieben tippte er darauf: "UNSER SCHREIBZEUG ARBEITET MIT AN UNSEREN GEDANKEN." Die Technik beschleunigt oder bremst uns, kann laut und leise sein, zwingt zum Vorausdenken oder gestattet ein Verwerfen und Einfügen. Je nach Medium denken wir romantisch, stichpunktartig, ausschweifend, formal, lässig. "Hallo Professor Engell", so würden seine Studenten ihn per Mail anschreiben, sagt Engell. Auf die Idee kämen sie mit Stift und Papier niemals. Unsere Vorstellung von Zeit ist eine andere, wenn wir eine SMS schreiben oder einen Brief, die Körperhaltung und unser geistiger Horizont sind es auch.