"Der Mond hat eine Tür"

Emilia, 6, würde einem Außerirdischen ein Geschenk aus ihrem Kinderzimmer anbieten. Vorausgesetzt, ihre jüngere Schwester Sofia ist einverstanden.

"Mein größter Wunsch ist, dass ich mal reiten darf." Sofort beginnt Emilia zu erzählen. Glänzende Locken tanzen um ihr Gesicht. Die schwarze Brille, die sie für unser Gespräch aufgesetzt hat, umrahmt jetzt ihre fast ebenso dunklen Augen. Zweimal schon ist sie mit Faxe unterwegs gewesen. Ein etwas freches Pony, erklärt sie. "Er schubst meinen Papi immer ins Gebüsch." Ob der Weihnachtsmann wohl ein Pferd auf die Erde bringen kann? Vielleicht mit seinen Zauberkräften. Immerhin gelingt es ihm, seine Rentiere fliegen zu lassen. Die brachten Emilia letztes Jahr ihr bisher schönstes und größtes Geschenk: Inline-Skates. "Das war echt lustig", erinnert sie sich. Zuerst packte sie die Schützer aus und dachte: Die Inliner fehlen noch, der hat nicht dran gedacht! Im größten Paket waren sie dann aber doch. Das Besondere an den Rollschuhen ist, dass man ihre Größe verstellen kann: "So was kann nur der Weihnachtsmann bringen. So was gibt es in echt eigentlich nicht. Das hat niemand außer ich."

 Derart kundig erfüllt der Weihnachtsmann sein Amt allerdings nicht jedes Mal. Mit Sprüh-Zauberstiften, durch die man Farbe aufs Papier pusten kann, landete er auch schon mal einen ziemlichen Reinfall. "Die sind so doof, weil da die ganze Spucke reinkommt. Das ist ein bisschen eklig." Trotzdem, findet Emilia, sollte man sich stets bedanken. Sie hat auch schon einen Plan.

An Heiligabend, bevor sie mit ihrer Familie in die Kirche geht und der Weihnachtsmann sich ans Werk macht, wird sie ihm einen Brief unter den Baum legen, mit den Worten: "Danke, aber die Zauberstifte haben mir nicht so doll gefallen." Emilia hat schließlich Respekt vor dem Pensum, das er immer bewältigen muss. Wo der Weihnachtsmann wohl das ganze Jahr über wohnt und alle Wünsche entgegennimmt? Das nächste Mal an Bord eines Flugzeugs möchte sie den Piloten bitten, eben auf dem Mond haltzumachen, um ihn zu besuchen. "Ich glaube, er hat dort eine Geheimtür, die man nicht sieht. Sie ist weiß, und der Henkel ist ganz versteckt." Deswegen sind in dicken Büchern über das Weltall immer nur Astronauten auf dem Mond zu sehen. Während sie grübelt, wandert Emilias Blick gedankenverloren nach oben. Jeder wünscht sich etwas vom Weihnachtsmann, da ist sie sich sicher. Man hat so lange Zeit, darüber nachzudenken, bis es im Dezember wieder so weit ist. Deswegen dauert das Warten immer ziemlich lange. "Es gibt so viele Wünsche", flüstert sie. "Ich krieg dauernd eine Wimper, und die sagt: Wünsch dir was!"

"Omas haben Geheimnisse"

Marie, 11, und Tessen, 9, finden, dass es einen Unterschied gibt zwischen "Verpackungsgeschenken" und "Gefühlsgeschenken".

Draußen Novembersonne und das Wasser der Elbe, das sich in sachten Wellen an die Uferlinien von Blankenese schiebt. Drinnen, im Inneren des weißen Hauses, das ganz nah am Wasser liegt, sitzt ein Junge auf der Couch. Er heißt Tessen, ist neun Jahre alt und wartet darauf, interviewt zu werden. Seine Füße werden von Wollsocken gegen die herannahende Winterkühle gewärmt. Er muss sich noch gedulden, bis seine zwei Jahre ältere Schwester Marie von oben herunterkommt zu unserem Gespräch über das Schenken und Beschenktwerden. Während er wartet, erzählt er vom letzten Mal, als die Elbe über ihre Ufer getreten ist und er versucht hat, mit dem Fahrrad durch das Wasser zu fahren, das ein Stück Weg verschlungen hat.

Ob die Familie sich manchmal vor den Überflutungen und Stürmen ängstigt? "Nein, eigentlich nicht", sagt Tessen. "Das gehört zu unserem Leben hier dazu."

Mit leisen Schritten betritt Marie das Wohnzimmer und nimmt neben ihrem Bruder auf der Couch Platz. Etwas Liebenswürdiges und Gefasstes spricht aus ihren Zügen. Sie geht auf dieselbe Schule wie ihr Bruder, im Hessepark, Blankenese. Sie tanzt Hip-Hop und spielt Geige. Außerdem hat sie Freude am Lesen gefunden. Besonders mag sie Fantasy-Bücher. Ihre momentane Lieblingsbuchreihe: Die Chroniken der Unterwelt.

Was sich Marie und Tessen zurzeit am meisten wünschen? Marie: "Ich wünsche mir ein Haustier." Tessen: "Ich auch." Zwei Haustiere also? Marie: "Nein, das wäre vielleicht zu viel für Papa. Also erst mal eins. Hinterher dann mehrere." Welches Haustier? Tessen: "Einen Hund!" Marie pflichtet ihrem Bruder bei. Aber die Eltern sagen eher Nein? Tessen: "Also, Papa sagt eher Nein. Mama ..." Er überlegt.

Schreiben die beiden zu Weihnachten einen Wunschzettel? Marie erzählt, dass sie häufig vergisst, ihn rechtzeitig abzugeben. Einmal ist er im Haus verloren gegangen. Ob die Wünsche wohl heimlich losgezogen sind, um erhört zu werden? Marie zuckt mit den Achseln. "Weiß nicht genau. Die Wünsche bleiben eigentlich immer bei mir. Wie Freunde. Oder die Familie." Tessen: "Ja, ein gutes Geschenk ist sowieso, wenn die Familie da ist."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/18.

Das Haus der Familie ist auf eine typisch hanseatische Weise gleichermaßen stattlich wie bescheiden. Wärme verströmend. Mit Reminiszenzen an die Seefahrt, Büchern, alten Möbeln und dem aus hellem Holz gefertigten Flügel. Man spürt die vielen Stimmen, die hier tagein, tagaus ertönen. Spürt das Klopfen kleiner Herzen. Man kann nicht umhin, sich nach einer Kindheit zu sehnen, die es nie gegeben hat. Aber das Haus böte einen hervorragenden Schauplatz dafür.

Gab es mal ein Geschenk, über das sich Marie und Tessen gar nicht gefreut haben? "Ich mag eigentlich alle Geschenke", antwortet der Junge. "Von meiner Oma kam mal eins, das ich von ihr überhaupt nicht erwartet habe: ein ferngesteuertes Boot. Dass Oma so was schenkt, hätte ich wirklich nicht gedacht. Aber es war toll." Ob sich die Oma wohl insgeheim mit schnellen Booten auskennt? "Ja, kann sein", entgegnet Tessen. "Omas haben Geheimnisse."

Was schenken sich denn die Eltern? Marie: "Bücher, Kalender und so. Einmal hat meine Mama meinem Vater eine Schwimmweste geschenkt." Eine Schwimmweste? "Er segelt gern." Wenn plötzlich ein Außerirdischer zu ihnen käme, von sehr weit her? Was sollte man ihm schenken? "Einen Wackelpudding", sagt Tessen. "Das fände der bestimmt interessant." Beide sagen, dass sie selber gern etwas schenken. "Für Mama und Papa basteln wir was", antwortet Tessen. "Oder man schreibt ein Elfchen", sagt Marie. "Das ist auch schön." Ein Elfchen? "Eine Art von Gedicht", erklärt sie. "Man schreibt elf Wörter untereinander. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann wieder eins ..."

Unsere letzte Frage: Gibt es eigentlich genug Geschenke auf der Welt? "Verpackungsgeschenke gibt es genug", antwortet Marie. "Aber Gefühlsgeschenke leider nicht. Zum Beispiel sagen die Jungs ja oft, Mädchen sind eklig und so ... Dabei sind wir ja alle Menschen. Gefühlsgeschenke helfen, uns daran zu erinnern."

Wir verabschieden uns von der Familie. Als wir ins Freie treten, denken wir, wie tapfer kleine Wesen im großen Taumel aller Geschehnisse ihren Platz behaupten. Als wir auf den Bus warten, löst sich die Sonne aus ihren Schleiern und spendet für kurze Zeit, ehe der Abend heraufzieht, das Gefühlsgeschenk ihres Lichtes.