Vielleicht ist der Mann, der an diesem Donnerstag im November mit einem Rollkoffer aus dem Berliner Ostbahnhof tritt, der dienstälteste Umweltpolitiker der Welt. Klaus Töpfer kommt gerade von einem Arbeitstreffen zum Atommüll-Endlager. Wir fahren in den vierten Stock des EnergieForums, wo er ein Büro hat. Töpfer schlüpft aus dem Mantel und legt zwei dünne Bücher auf den Tisch.

ZEIT Wissen: Was lesen Sie gerade?

Klaus Töpfer: Das ist mein Terminkalender. Ich nutze noch einen aus Papier.

ZEIT Wissen: Und das andere Buch?

Töpfer: Es handelt sich um Vorträge von Wolf Lepenies, dem langjährigen Rektor des Wissenschaftskollegs in Berlin und hoch angesehenen Soziologen. Er ist Jahrgang 1941, ich Jahrgang 1938 – also die gleiche Alterskohorte. Er nennt diese Altersgruppe sehr schön die "Generation des klugen Timings": Sie sei rechtzeitig zu spät gekommen und werde rechtzeitig wieder gehen.

ZEIT Wissen: Was bedeutet das?

Töpfer: Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde meine Familie aus Schlesien vertrieben. Das war eine ziemlich harte Zeit. Danach ist meine Generation durch eine hierzulande friedliche, wirtschaftlich prosperierende Epoche gegangen, hat sie gestaltet. Es ist eine bittere Analyse, wenn Lepenies darauf hinweist, dass unsere Generation diese gute Zeit offenbar nicht genutzt hat, um auch kommende Krisen für die nächsten Generationen, etwa die Klimakatastrophe, etwas unwahrscheinlicher werden zu lassen.

ZEIT Wissen: Nächstes Jahr werden Sie 80. Aber Sie leiten eine Arbeitsgruppe zur Endlagersuche, sind im Gespräch für eine Zukunftskommission Saubere Mobilität und halten einen Vortrag nach dem anderen. Sie sind Deutschlands grünes Gewissen ...

Töpfer: ... oder schlechtes Gewissen.

ZEIT Wissen: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag beim "Arbeitgeber Natur"?

Töpfer: 1978 hatte ich eine Professur für Raumforschung in Hannover angetreten, mit meiner Familie war ich nach Bad Münder umgezogen, wir hatten ein Haus gekauft, und das dritte Kind wurde geboren. Ich dachte an vieles andere, nur nicht daran, umweltpolitisch tätig zu werden. Aber in Rheinland-Pfalz hatte der Ministerpräsident Bernhard Vogel entschieden, den Posten eines Staatssekretärs für Umwelt zu schaffen. Zwei oder drei Leute hatten dieses Angebot abgelehnt, als ich danach den Anruf des Sozialministers bekam. Dass ich mich mit meiner Entscheidung dafür in besonderer Weise der Schöpfung zuwende – ich sage bewusst "Schöpfung", nicht "Ökonomisierung der Natur" –, das konnte ich mir schon ganz gut vorstellen.

ZEIT Wissen: Und dann saßen Sie in einem Ministerium in Mainz und dachten sich: Jetzt muss ich die Welt retten?

Töpfer: Jein. Zunächst musste ich für mich diesem Begriff Umwelt einen Sinn, einen Inhalt geben. Ich kam in ein Ministerium, das bis dahin ein Sozialministerium gewesen war. Am Anfang der Öffnung zur Umwelt ging es eher um ein traditionelles, im guten Sinn des Wortes konservatives Bürgerengagement für Natur. Aber ganz schnell wurde auch Rheinland-Pfalz eingeholt von dem, was Umweltpolitik im weiteren Sinne ist: die Konzentration auf die negativen Konsequenzen wirtschaftlicher Entwicklung.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/18.

ZEIT Wissen: Mit welchen Umweltproblemen waren Sie damals konfrontiert?

Töpfer: Ein Beispiel: In Rheinland-Pfalz gibt es ein großes Chemieunternehmen. Das hatte Abfälle zu entsorgen. Damit sind Kosten verbunden, die ein Unternehmen minimieren möchte. Rheinland-Pfalz hatte eine große Deponie in der Nähe von Ludwigshafen, in Gerolsheim. Dort wurden Abfälle vermutet, die wenig oder gar nicht bekannt waren. Vor allem rätselte man damals, wohin die "Seveso-Fässer" verschwunden waren.

ZEIT Wissen: Giftmüll aus einem Chemieunfall in Norditalien. "Seveso ist überall" war in dieser Zeit ein Bestseller.

Töpfer: Als Staatssekretär für Umwelt betrat ich vermintes Gelände. Da war einerseits ein für das Land zentraler Industriebetrieb. Und andererseits waren da die Menschen in der Nähe der Deponie, die sagten: Schön und gut, dass wir wirtschaftliche Stabilität und Arbeitsplätze haben, aber dass wir dafür den "Preis" mit der Hinnahme dieser Deponie zahlen, ist zu viel verlangt. Das ging dann mit dem Thema Wasserverunreinigung so weiter, Chemieunfall bei Sandoz in Basel, Fischsterben im Rhein. Zahlreiche neue Gesetze mussten erlassen, Grenzwerte und Verordnungen erarbeitet werden.