Vielleicht ist der Mann, der an diesem Donnerstag im November mit einem Rollkoffer aus dem Berliner Ostbahnhof tritt, der dienstälteste Umweltpolitiker der Welt. Klaus Töpfer kommt gerade von einem Arbeitstreffen zum Atommüll-Endlager. Wir fahren in den vierten Stock des EnergieForums, wo er ein Büro hat. Töpfer schlüpft aus dem Mantel und legt zwei dünne Bücher auf den Tisch.

ZEIT Wissen: Was lesen Sie gerade?

Klaus Töpfer: Das ist mein Terminkalender. Ich nutze noch einen aus Papier.

ZEIT Wissen: Und das andere Buch?

Töpfer: Es handelt sich um Vorträge von Wolf Lepenies, dem langjährigen Rektor des Wissenschaftskollegs in Berlin und hoch angesehenen Soziologen. Er ist Jahrgang 1941, ich Jahrgang 1938 – also die gleiche Alterskohorte. Er nennt diese Altersgruppe sehr schön die "Generation des klugen Timings": Sie sei rechtzeitig zu spät gekommen und werde rechtzeitig wieder gehen.

ZEIT Wissen: Was bedeutet das?

Töpfer: Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde meine Familie aus Schlesien vertrieben. Das war eine ziemlich harte Zeit. Danach ist meine Generation durch eine hierzulande friedliche, wirtschaftlich prosperierende Epoche gegangen, hat sie gestaltet. Es ist eine bittere Analyse, wenn Lepenies darauf hinweist, dass unsere Generation diese gute Zeit offenbar nicht genutzt hat, um auch kommende Krisen für die nächsten Generationen, etwa die Klimakatastrophe, etwas unwahrscheinlicher werden zu lassen.

ZEIT Wissen: Nächstes Jahr werden Sie 80. Aber Sie leiten eine Arbeitsgruppe zur Endlagersuche, sind im Gespräch für eine Zukunftskommission Saubere Mobilität und halten einen Vortrag nach dem anderen. Sie sind Deutschlands grünes Gewissen ...

Töpfer: ... oder schlechtes Gewissen.

ZEIT Wissen: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag beim "Arbeitgeber Natur"?

Töpfer: 1978 hatte ich eine Professur für Raumforschung in Hannover angetreten, mit meiner Familie war ich nach Bad Münder umgezogen, wir hatten ein Haus gekauft, und das dritte Kind wurde geboren. Ich dachte an vieles andere, nur nicht daran, umweltpolitisch tätig zu werden. Aber in Rheinland-Pfalz hatte der Ministerpräsident Bernhard Vogel entschieden, den Posten eines Staatssekretärs für Umwelt zu schaffen. Zwei oder drei Leute hatten dieses Angebot abgelehnt, als ich danach den Anruf des Sozialministers bekam. Dass ich mich mit meiner Entscheidung dafür in besonderer Weise der Schöpfung zuwende – ich sage bewusst "Schöpfung", nicht "Ökonomisierung der Natur" –, das konnte ich mir schon ganz gut vorstellen.

ZEIT Wissen: Und dann saßen Sie in einem Ministerium in Mainz und dachten sich: Jetzt muss ich die Welt retten?

Töpfer: Jein. Zunächst musste ich für mich diesem Begriff Umwelt einen Sinn, einen Inhalt geben. Ich kam in ein Ministerium, das bis dahin ein Sozialministerium gewesen war. Am Anfang der Öffnung zur Umwelt ging es eher um ein traditionelles, im guten Sinn des Wortes konservatives Bürgerengagement für Natur. Aber ganz schnell wurde auch Rheinland-Pfalz eingeholt von dem, was Umweltpolitik im weiteren Sinne ist: die Konzentration auf die negativen Konsequenzen wirtschaftlicher Entwicklung.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/18.

ZEIT Wissen: Mit welchen Umweltproblemen waren Sie damals konfrontiert?

Töpfer: Ein Beispiel: In Rheinland-Pfalz gibt es ein großes Chemieunternehmen. Das hatte Abfälle zu entsorgen. Damit sind Kosten verbunden, die ein Unternehmen minimieren möchte. Rheinland-Pfalz hatte eine große Deponie in der Nähe von Ludwigshafen, in Gerolsheim. Dort wurden Abfälle vermutet, die wenig oder gar nicht bekannt waren. Vor allem rätselte man damals, wohin die "Seveso-Fässer" verschwunden waren.

ZEIT Wissen: Giftmüll aus einem Chemieunfall in Norditalien. "Seveso ist überall" war in dieser Zeit ein Bestseller.

Töpfer: Als Staatssekretär für Umwelt betrat ich vermintes Gelände. Da war einerseits ein für das Land zentraler Industriebetrieb. Und andererseits waren da die Menschen in der Nähe der Deponie, die sagten: Schön und gut, dass wir wirtschaftliche Stabilität und Arbeitsplätze haben, aber dass wir dafür den "Preis" mit der Hinnahme dieser Deponie zahlen, ist zu viel verlangt. Das ging dann mit dem Thema Wasserverunreinigung so weiter, Chemieunfall bei Sandoz in Basel, Fischsterben im Rhein. Zahlreiche neue Gesetze mussten erlassen, Grenzwerte und Verordnungen erarbeitet werden.

"Rückholbarkeit ist für mich ganz wichtig"

ZEIT Wissen: War Atomenergie ein Thema?

Töpfer: Das schon, wenn auch noch kein besonders kontroverses. Das wurde es aber sehr schnell. 1985 war ich in Rheinland-Pfalz der erste Minister für Umwelt und Gesundheit. Ein Jahr später ereignete sich die Katastrophe von Tschernobyl. 1987 wurde ich Bundesumweltminister und sagte in einem meiner ersten Interviews, wir müssten eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden. Das war zu der Zeit ziemlich ungewöhnlich, wenn nicht politisch hochrisikoreich.

ZEIT Wissen: Die Umweltbelastung war damals viel sichtbarer als heute.

Töpfer: Deshalb war Umweltpolitik "einfacher", weil die Probleme sichtbar, hörbar, spürbar, schmeckbar waren und weil sie fast alle eine direkte Verbindung mit der menschlichen Gesundheit hatten. Ich habe diese Lektion schnell gelernt: Wenn deine Politik die Gesundheitsrisiken der Menschen vermindert, hast du gute Aussichten auf Erfolg. Ein zweiter Erfolgsindikator: Du kannst etwas verändern, wenn sich Möglichkeiten eröffnen, dass die Wirtschaft damit Geld verdient, wenn es also ein "Business-Case" ist.

ZEIT Wissen: Man könnte aber auch an die Verantwortung des Einzelnen appellieren.

Töpfer: Ich schätze engagierte Menschen sehr hoch, die Verantwortung um der Natur, um der Schöpfung willen übernehmen. Sie haben nur die große Schwierigkeit, eine Mehrheit hinter sich zu bekommen. Ich bin katholisch und habe immer die Arbeiterpriester-Bewegung in Südamerika verfolgt. Die haben stets darauf hingewiesen: Wenn man sich ausschließlich darauf konzentriert, den Nächsten zu helfen, zementiert man unbewusst oder unbeabsichtigt die falschen Strukturen. Du musst auch die Strukturen hinterfragen, die das Leid verursachen.

ZEIT Wissen: Welche Strukturen meinen Sie?

Töpfer: Unternehmen wälzen die Kosten für Umweltverschmutzung auf die Allgemeinheit und auf die Zukunft ab. Gewinne werden privatisiert, Umweltprobleme eher sozialisiert. Das ist ein strukturelles Problem, das musste die Umweltbewegung erst erkennen. Meine konservativen Freunde, begeisterte Naturschützer, haben sich damit schwergetan. Das ist die Konsequenz des Anthropozäns, sage ich ihnen heute: Nature is over.

ZEIT Wissen: Welches Verhältnis haben Sie zur Natur?

Töpfer: Ich bin in Waldenburg in Niederschlesien geboren, und so gut wie alle meine männlichen Vorfahren waren im Kohlebergbau beschäftigt. Bergleute haben aus meiner Erfahrung ein sehr unmittelbares Verhältnis zur Natur. Mit meinen Eltern bin ich außerordentlich viel in der Natur gewesen. Ich war sechs, als wir vertrieben wurden. Wir sind in Höxter an der Weser gelandet. Auch diese Region ist eingebettet in herrliche Natur, den Solling, das Weserbergland.

ZEIT Wissen: Sie schrieben einmal, der Steinpilz sei für Sie "identitätsstiftend" gewesen.

Töpfer: Der wunderbare Steinpilz, der unter einem Tannenbäumchen im Gras wächst, ist für mich zu einer Art Ikone geworden! Mein Bruder und ich haben im Solling Steinpilze gesucht, die haben wir verkauft. Am vergangenen Wochenende bin ich mit meinen Enkelkindern, elf und zwölf, wieder im Solling gewesen, Pilze suchen. Es war ein bisschen spät im Jahr, zu kühl. Aber das Gefühl von damals kommt wieder auf. Hoffentlich findest du wenigstens irgendetwas, habe ich gedacht. Wir haben zwei wunderschöne Waldchampignons gefunden. Die Kinder wollten dann lieber zum Hochseilgarten, klettern – die Pilze haben sie nicht mehr so fasziniert wie mich damals.

ZEIT Wissen: Herr Töpfer, Sie leiten jetzt eine Arbeitsgruppe, die die Suche nach dem Atommüll-Endlager für Deutschland begleitet. Im Gesetz steht, dass dieses Endlager eine Million Jahre dicht halten soll. Das sind 250.000 Legislaturperioden oder 12.500 Töpferleben, dreimal so lang, wie der Mensch überhaupt existiert. Wie denken Sie über diese Zahl?

Töpfer: Die eine Million Jahre bedeuten nicht: Wir schauen jetzt auf die Uhr, und wenn eine Million Jahre um sind, haben wir es richtig gemacht. Eine Million Jahre bedeutet, dass dieser hochradioaktive Atommüll sehr lange Zeit menschlicher Sorge bedarf. In einer Million Jahre sind ja nicht nur die 12.500 Töpferleben drin, sondern in dieser Zeit gibt es viele Menschen, die weiter darüber nachdenken, wie man die Gefahr des Atommülls verringern kann. Deshalb schreibt das Gesetz vor, dass der Müll rückholbar und bergbar gelagert sein muss.

ZEIT Wissen: Das Endlager soll offen bleiben?

Töpfer: Rückholbarkeit und Bergbarkeit ist für mich ganz wichtig. In der Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung haben wir auch darüber intensiv diskutiert. Besteht unter der Bedingung der Rückholbarkeit nicht die Möglichkeit terroristischer Anschläge? Nicht ausgeschlossen, deshalb braucht es höchste Sicherheitsvorkehrungen. Würde man das Endlager aber so versiegeln, dass das Rückholen oder Bergen unmöglich ist, würden wir die Zeitachse abschneiden und damit auch die Denkachse der alternativen Möglichkeiten, die heute nicht gedacht oder entwickelt sind. Wissenschaftler-Generationen nach uns könnten durchaus Möglichkeiten finden, hochradioaktive Stoffe umzuwandeln in Elemente mit kürzerer Halbwertszeit.

ZEIT Wissen: Wie muss man sich die Endlagersuche konkret vorstellen? Besuchen Sie mit Ihrer Kommission verlassene Bergwerke und kratzen an den Stollenwänden?

Töpfer: Nein, nein, die Suche selbst obliegt der neuen Bundesgesellschaft für Entsorgung hochradioaktiver Abfallstoffe. Das Nationale Begleitgremium zur Entsorgung hochradioaktiver Abfallstoffe (NBG), dem ich vorstehe, soll gewährleisten, dass die Bevölkerung nicht fertige Lösungen vorgesetzt bekommt und sie akzeptieren muss. Bedenken und Sachkenntnisse der Zivilgesellschaft müssen von Anfang an in die Suche einfließen. Zum Standortauswahlgesetz hat das NBG zum Beispiel Rechtsgutachten eingeholt. Diese haben wir mit unserer Bewertung an einem Samstag in Berlin vorgestellt. Es kamen 250 Menschen – das hatte ich gar nicht für möglich gehalten.

"Du kannst nicht einfach weglaufen vor der Vergangenheit"

ZEIT Wissen: Das klingt wunderbar, aber am Ende wird der Protest genau dort losgehen, wo das Endlager stehen soll. Not in my backyard!

Töpfer: Ich habe bisher mit Erfolg vermieden zu spekulieren: Was wird, wenn ...? Das NBG ist davon überzeugt, dass ein derartiger begleitender Genehmigungsprozess Spannungen abbauen kann, wenn dieser Prozess als fair verstanden wird. Es geht hier nicht um einen theoretisch denkbaren Idealstandort, es geht darum, den in Deutschland bestmöglichen zu finden. Mit der Maßgabe, negative Konsequenzen für die Nachbarschaft sicher und verlässlich zu beherrschen. Damit sind auch Chancen verbunden.

ZEIT Wissen: Chancen? Mit Atommüll?

Töpfer: Technologische Spitzenleistungen, regionale Entwicklung, qualifizierte Arbeitsplätze, finanzielle Zuschüsse und gesamtstaatliche Verantwortung. Keiner glaubt, dass Jubel ausbricht, wenn ein Standort gefunden ist. Aber wir setzen alles daran, dass dies das Ergebnis einer fairen, demokratischen Auseinandersetzung ohne Zeitzwang ist.

ZEIT Wissen: Sie gehen jetzt ins neunte Lebensjahrzehnt und könnten doch auch sagen: Das sollen jetzt mal die lösen, die diesen Schwachsinn verursacht haben. Stattdessen diskutieren Sie samstags einen ganzen Tag lang mit 250 Leuten über ein Atommüll-Endlager. Warum tun Sie sich das an?

Töpfer: Tja ... da muss man vorsichtig sein, um sich nicht selbst zu heroisieren. In Afrika habe ich ein schönes Sprichwort kennengelernt: Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor dreißig Jahren. Die zweitbeste ist jetzt. Ich kann das, was vor dreißig Jahren war, nicht mehr zurückholen. Und das, was Sie Schwachsinn nennen, daran war ich als Bundesumweltminister beteiligt. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.

ZEIT Wissen: Weil Sie damals die Atomaufsicht hatten?

Töpfer: Genau, als Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit war ich mal für die Sicherheit von 23 deutschen Kernkraftwerken verantwortlich. Man kann so eine Verantwortung nicht gegen seine Überzeugungen übernehmen. Ich hatte mir nur gesagt: Es kann mit der Kernenergie wohl nicht auf Dauer so weitergehen. Es bedurfte einer weiteren Katastrophe, Fukushima, um die Konsequenz zu ziehen.

ZEIT Wissen: Arbeiten Sie aus Pflichtgefühl weiter?

Töpfer: Das klingt mir auch zu heroisierend. Ich bin der Meinung, du kannst nicht einfach weglaufen vor der Vergangenheit. Bei der Endlagersuche kam die Initiative zudem aus der Breite des Bundestages: Der Gesetzentwurf wurde von allen Fraktionen mit Ausnahme der Linken gemeinsam getragen. Dies ist keine parteipolitische Aufgabe. Du stehst nicht im Verdacht, etwas in einer bestimmten Richtung zu liefern. Du bist unabhängig.

ZEIT Wissen: Wie viele Tage im Monat haben Sie frei?

Töpfer: Wenige.

ZEIT Wissen: Und welche Energiequelle treibt Sie an?

Töpfer: Wissen Sie, die ganzen Termine und Vorträge führen ja dazu, dass man permanent nachdenkt: Was machst du da eigentlich?! Dass ich wieder mal in Gekaufte Zeit von Wolfgang Streeck gelesen habe, der sagt, dass die Demokratie zunehmend durch den Markt domestiziert wird und nicht mehr der Markt durch die Demokratie. Die Macht geht von der Politik weg, wie Zygmunt Bauman es im Spiegel-Interview formulierte. Die Märkte herrschen. Papst Franziskus spricht in Laudato si’ von einem technokratischen Paradigma. Darüber nachzudenken und Ansätze für zukunftsfähige Änderungen zu finden motiviert mich sehr.

ZEIT Wissen: Verzweifeln Sie manchmal an den Menschen? Fast täglich rechnen uns Wissenschaftler die Gefahren des Klimawandels vor, gleichzeitig ist inzwischen jeder vierte Neuwagen in Deutschland ein SUV.

Töpfer: Ach Gott, ich bin ja auch ein Mitbürger. Die Rheinländer haben den schönen Satz: Et hätt noch emmer joot jejange. Bislang haben wir für aufkommende Probleme immer eine technologische Lösung gefunden. Dies kann nicht mehr zukunftsfähig bleiben. Die Herausforderung ist, dass weitreichende Veränderungen der Natur schleichend ablaufen. So wie die Zerstörung der Ozonschicht oder die Arzneimittelrückstände in den Flüssen, die allmählich eine Verweiblichung von Fischen verursachen. Das sind Langzeitprozesse, bei denen sich der Einzelne vielleicht sagt: Für mich reicht es noch, und die, die nach uns kommen, werden schon klüger sein und sich was einfallen lassen. Das ist oft unterschwellig motiviertes Verhalten, nicht Böswilligkeit.

ZEIT Wissen: Ein schwacher Trost.

Töpfer: Renate Köcher vom Allensbach-Institut hat einmal von der "Unter-uns-gesagt-Gesellschaft" gesprochen. Nach dem Motto: Natürlich müssen wir Verantwortung übernehmen, für Flüchtlinge, für die Rettung des Klimas, der Artenvielfalt et cetera – aber unter uns gesagt, geht das viel zu weit und viel zu schnell. Natürlich müsste ich etwas gegen den Klimawandel unternehmen und zum Beispiel ein kleineres Auto kaufen, aber unter uns gesagt, auf mich kleinen Wutz kommt es doch gar nicht an.

ZEIT Wissen: Wissen Sie einen Ausweg?

Töpfer: Sagen Sie nicht: Wir erforschen und investieren in erneuerbare Energien, damit wir weniger CO₂ emittieren. Sondern geben Sie eine positive Perspektive: Deutschland ist dringend darauf angewiesen, dass wir grüne Technologien und Produkte herstellen, die hinterher auch in Afrika und überall dort, wo die Bevölkerung wächst, genutzt werden können.

"Ich bin ein bekennender Ordnungspolitiker"

ZEIT Wissen: Man muss die unbequeme Wahrheit also nur richtig verpacken?

Töpfer: Es geht mir nicht um das richtige Verpacken, sondern um die Gewichtung der Argumente. Es geht um wirtschaftliche Stabilität ebenso wie auch um gutes Zureden. Allerdings: Alle Bußprediger wie etwa Savonarola landeten auf dem Scheiterhaufen.

ZEIT Wissen: Verlieren Sie eigentlich nie die Hoffnung?

Töpfer: Ich war mehr als einmal in der Situation, wo mir die Motivation verloren ging. Wir wollten die Kernenergie als Brückentechnologie – und dann wird die Laufzeit der Kraftwerke verlängert: keine Entwicklung, die Hoffnung stabilisiert! Oder bei den Vereinten Nationen als Undersecretary General für Umwelt: Da wurden, zehn Jahre nachdem der Gipfel in Rio de Janeiro die Strategie der nachhaltigen Entwicklung beschlossen hatte, nicht etwa die "Sustainable Development Goals" beschlossen, sondern die "Millennium Development Goals". Wir blieben also in Denkgewohnheiten stecken, die einen Entwicklungstransfer von Nord nach Süd vorsehen, ohne die Entwicklungspfade des Nordens infrage zu stellen. Von einer Globalisierung der nachhaltigen Entwicklung keine Rede. Da fragst du dich: Ist das nicht eine demotivierende dauernde uphill battle, wo du mehr abrutschst, als du zwischenzeitlich nach oben kommst?

ZEIT Wissen: Im Club of Rome sagen manche, die Umweltprobleme seien demokratisch und marktwirtschaftlich nicht zu lösen.

Töpfer: Schon in den Jahren, als ich Staatssekretär war, fragte eine Studie: Wie braun ist die grüne Bewegung? Das Gegenteil ist für mich entscheidend: Die Umweltbewegung hat immer wieder Sachzwänge zu politischen Entscheidungsfragen verändert.

ZEIT Wissen: Gibt es einen Weg zwischen Ökodiktatur und entfesseltem Kapitalismus?

Töpfer: Dieser Weg muss immer wieder neu bestimmt und für die Mehrheit gangbar sein. Es geht darum, den Menschen im marktwirtschaftlichen System nicht alternativlos zu lassen. Ein positives Beispiel sind Demokratisierungsprozesse in der Energiewende. Wir haben heute mehr als 900 Energiegenossenschaften. Der kürzlich verstorbene Sozialwissenschaftler Benjamin Barber hat das Buch geschrieben If Mayors Ruled the World, "Wenn Bürgermeister die Welt regierten". Die Netze werden wieder kleiner gedacht, die Mitwirkung der Menschen wird dadurch größer.

ZEIT Wissen: Funktioniert das auch in der Verkehrswende? Oder sollte der Staat irgendwann den Verbrennungsmotor verbieten, wie China es vorhat?

Töpfer: Wir werden nicht umhinkommen, ein Enddatum zu setzen und den Auslaufprozess in Angriff zu nehmen. Nicht zur Bestrafung der Bürger, sondern als Antrieb für diejenigen, die etwas Neues zu erfinden haben. Ich bin ein bekennender Ordnungspolitiker. Der damit auch Märkte schafft. Politik muss klar entscheiden, wo es nicht so weitergeht wie bisher, wo die Grenze liegt. Dafür müssen parlamentarische Mehrheiten erarbeitet werden; wenn notwendig, auch über ein "Basta". Wenn das in einem parlamentarischen Verfahren beschlossen wird, umso besser. Bei Herrn Trump wird das übrigens permanent gemacht: Ich entscheide das, Ende der Durchsage. Ob er es dann durchsetzen kann, ist eine andere Frage.

ZEIT Wissen: Gefährdet die deutsche Autoindustrie gerade ihre Existenz, indem sie weiterhin auf große Modelle setzt?

Töpfer: Die Gefahr ist sehr hoch. Das Beispiel zeigt, höflich gesagt, wie eine erfolgreiche Lobbyarbeit dazu führt, dass Zukunft erschwert wird. Oder konkret: Solange Dieselautos steuerlich massiv begünstigt werden, hat es die Elektromobilität schwer. Deswegen muss klar herausgearbeitet werden: Leute, dies sind globale Auslaufmodelle.

ZEIT Wissen: Klaus Töpfer als Totengräber des Verbrennungsmotors?

Töpfer: Solche Begriffe würde ich nicht gebrauchen. Aber was wir benötigen, ist ein klares Signal, dass sich Mobilität insgesamt verändern wird. Ein Mobilitätskonzept ist viel mehr als die Frage nach dem Motortyp. Immer mehr Menschen wohnen in Städten, das Fahrrad gewinnt an Bedeutung. Bessere Radwege, den öffentlichen Nahverkehr ausbauen – solche Selbstverständlichkeiten sind in der Bevölkerung doch schon längst angekommen.

ZEIT Wissen: Ist die Energiewende ein Vorbild für die Verkehrswende?

Töpfer: Gandhi soll gesagt haben: Zuerst wird es ignoriert, dann wird es belächelt, dann wird es bekämpft, und dann hast du gewonnen. Dieser Ablauf lässt sich in Energiefragen genauso wiedererkennen. Du kannst Energie heute in ganz anderer Weise als früher preiswert erzeugen und einen Business-Case daraus machen, vornehmlich auch in den Entwicklungsländern. Warum sollte das nicht auch im Verkehr gehen?

ZEIT Wissen: Muss die Menschheit eigentlich immer weiterexistieren? Man könnte sich den ganzen Stress mit Klimaschutz und Zukunftskommissionen auch sparen und weitermachen wie bisher, nach uns die Sintflut. Andere Arten sterben auch aus.

Töpfer: So verzweifelt bin ich nicht und werde es hoffentlich nie werden. Wir sollten uns natürlich fragen, ob wir weiterhin so egoistisch sein wollen, wie wir es jetzt sind.

ZEIT Wissen: Aber Sie haben doch am Anfang dieses Gesprächs eine Art Katastrophenerwartung formuliert. Haben Sie Angst?

Töpfer: Der Philosoph Hans Jonas hat nicht von Angst gesprochen, sondern von Furcht. Das ist der bessere Begriff, weil er in Verbindung mit Ehrfurcht steht. Man kann auch von Besorgnis reden, und die ist wirklich angesagt. Aber weil die Situation so schwierig ist, kann ich mir nicht erlauben, resignativ zu sein.

ZEIT Wissen: Woraus schöpfen Sie Kraft? Aus Ihrem Glauben?

Töpfer: Das ist sicherlich eine Motivation. Ich habe den Begriff "Umwelt" immer als ärgerlich empfunden, weil er so anthropozentrisch ist. Umwelt beschreibt das, was um den Menschen herum ist. Dieser Begriff entlässt den Menschen aus der Schöpfung. Eine weitere Motivation ist, dass man in der deutschen Vergangenheit gesehen hat: Wenn viele sich zurückziehen, beschleunigt das die Schwierigkeiten, um nicht zu sagen, dies ist der Weg zur Katastrophe. Noch eine Motivation: die eigene Familie. Wenn ich sehe, wie sich so eine Familie weiterentwickelt, dann erwächst daraus ganz unmittelbar Verantwortung.

ZEIT Wissen: Was würden Sie gern noch erleben?

Töpfer: Ich werde keine Prognosen über das Lebensalter hinlegen. Ich gehe gleich über diese Straße und weiß, dass ich genau jetzt in einem Alter bin, in dem ich die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern erreicht habe. Nein, ich will eigentlich gar nicht mehr etwas erleben, sondern ich möchte hoffentlich sehen, dass sich das, was man für richtig angesehen hat, auch weiterträgt. Dass ich Menschen motiviert habe. Hoffentlich ist mir das gelungen. Aber darüber ist zum Glück nicht von mir zu entscheiden.