Blau ist der Himmel über Stuttgart, der Tag ist kalt und klar. Die Luft wirkt sauber und frisch – doch das ist sie nicht. Nirgendwo in Deutschland gibt es so viel Feinstaub wie hier. Die EU-Grenzwerte werden oft überschritten, mehrmals im Jahr ruft die Verwaltung Feinstaubalarm aus. Aus Heizungen, Industrieschornsteinen und Dieselauspuffen kommen die winzigen Teilchen, die ihn bilden. Wenn die Stuttgarter atmen, dann dringt der Feinstaub tief in ihre Lungen ein. Was er dort anrichtet, ist noch nicht in allen Einzelheiten erforscht. Sicher ist, dass es nichts Gutes ist. Insofern kann es Feinstaub längst mit Radioaktivität aufnehmen – beide umgibt eine ähnlich geheimnisvolle Aura: Beide sind überall, doch man kann sie nicht sehen, nicht hören, schmecken oder fühlen. Nur messen. Das wollen Stuttgarter Aktivisten, die vor drei Jahren das Projekt luftdaten.info ins Leben gerufen haben. Mithilfe Tausender Freiwilliger bauen sie seither ein riesiges Netz mit Messstationen auf, die in Deutschland die Feinstaubkonzentration möglichst flächendeckend ermitteln und die Daten ins Internet stellen. Es gibt zwar staatliche Messstellen, doch davon viel zu wenige. In der Feinstaub-Hauptstadt Stuttgart stehen sie lediglich an vier Orten, und die Messergebnisse werden zeitlich sehr verzögert veröffentlicht.

Die Idee zu luftdaten.info stammt nicht von Umweltschützern, sondern von Datenaktivisten aus der Open Knowledge Foundation, einer Stiftung, die sich zum Ziel gesetzt hat, möglichst viele Daten öffentlich verfügbar zu machen. 26 regionale Gruppen, OK Labs, gibt es in Deutschland. Sie bitten staatliche Stellen zum Beispiel um Daten zur Qualität von Trinkwasser und stellen sie für alle sichtbar ins Netz. Als die Aktivisten vom OK Lab versuchten, an Informationen über die Feinstaubkonzentration in Stuttgart zu gelangen, bekamen sie nicht, was sie wollten. Also fingen Jan Lutz, der dem Projekt den entscheidenden Anstoß gab, und seine Mitstreiter an zu basteln. Sie entwickelten den Prototypen für einen Luftmesssensor. Preiswert sollte er sein, einfach zu montieren und leicht ans Netz anzuschließen. Mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne sammelten sie innerhalb von nur sechs Wochen 10.000 Euro für die ersten 300 Stück ein. Inzwischen ist Stuttgart die am besten dokumentierte Stadt bei luftdaten.org, doch das Projekt gibt es längst nicht mehr nur dort. In ganz Deutschland montieren Mitstreiter in Gärten, auf Terrassen, an Hausfassaden und Balkonen neue Anlagen. Zehnjährige Schüler machen mit, pensionierte Ingenieure, schwäbische Hausfrauen, erzählt Lutz. Doch wer mitmachen will, muss erst basteln.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/18.

Etwa 30 Euro kosten die Bauteile. Auf der Einkaufsliste, die bei luftdaten.org heruntergeladen werden kann, stehen Kabelbinder, Schlauch (Durchmesser 6 mm), USB-Kabel für die Stromversorgung, Temperatur- und Feuchtigkeitssensor, WLAN-Modul und natürlich das Herzstück: die Sensoreinheit. Das Ganze wird zusammengefügt und anschließend in zwei ineinandergesteckte Abwasserrohr-Teile montiert – programmieren oder löten ist nicht nötig. "Das Basteln ist für das Projekt ganz wichtig", sagt Lutz. "Wer seine Messstation selbst zusammenbaut, ist anschließend stolz, es geschafft zu haben. Und wer stolz ist, bleibt dem Projekt treu." Ist die Messstation aktiviert, fächert von nun an alle paar Minuten ein kleiner Ventilator Umgebungsluft in die Kammer des Sensors. Dort wird sie durchleuchtet: nach Feinstaubpartikeln mit einer Größe von zehn Mikrometern und Partikeln mit einer Größe von 2,5 Mikrometern. Dass die Qualität der Daten unter denen der staatlichen Messstellen liegt, geben die Macher von luftdaten.info offen zu. Die selbst gebastelten Sensoren zählen alle Teilchen, die sich in der Luft befinden, können dabei aber nicht zwischen Blütenpollen und Bleikrümeln unterscheiden.

Dass das Bürgersensorennetz dennoch wertvolle Daten liefert, liegt an der Masse. Meldet nur eine Messstelle etwas Außergewöhnliches, kann das Zufall sein. Wenn aber alle Messstellen Auffälligkeiten melden, deutet das auf einen Trend hin. Je mehr Messstellen es gibt, desto zuverlässiger ist die Aussage der Daten. Und es werden immer mehr – inzwischen wird das Projekt nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gefeiert. Der Hersteller in China, der die Sensoreinheit baut, hatte zeitweise sogar Lieferschwierigkeiten.