Psychologie schlägt Muskelkraft durch technisches Knock-out in der zwölften Runde. Das ist die Kurzfassung von "Firepower", dem legendären WM-Fight zwischen Manny Pacquiao und Miguel Cotto in Las Vegas am 14. November 2009. Cotto ging als amtierender Weltmeister im Weltergewicht in den Kampf – und mit sichtlich überlegener Physis. In der ersten Runde sah es nach einem Sieg für ihn aus. Immer wieder kam er mit seiner linken Führhand nach vorn. Pacquiao schützte sich mit seinen Handschuhen wie eine Schildkröte unter ihrem Panzer, hing einmal sogar in den Seilen. Doch dann schlug er zurück. Rechter Haken, linker Aufwärtshaken. Cotto blutete, seine Frau verließ entsetzt die Arena, schließlich brach der Ringrichter den Kampf ab.

Wie hatte der schmächtigere Pacquiao es geschafft, den Kampf umzudrehen? In einem Interview verriet sein Coach Freddy Roach, einer der erfolgreichsten Boxtrainer aller Zeiten, seine Strategie: "Ich schaue nicht nach Schwächen, ich schaue nach Gewohnheiten." Wer nur versuche, die Schwächen seines Gegners auszunutzen, könne in die Falle laufen, erklärte Roach, denn an seinen Schwächen könne der andere Boxer arbeiten. Aber seine Gewohnheiten, vor allem seine vermeintlich "guten" Gewohnheiten, wird er nicht so schnell los. Wer die Gewohnheiten seines Gegners kennt, kennt ihn womöglich besser als er sich selbst.

Roachs Einsicht gilt weit über den Boxring hinaus. Gewohnheiten machen Menschen kalkulierbar und manipulierbar. Es sind nicht unbedingt Boxgegner, die sie ausnutzen, aber dafür ganze Industrien: Fast-Food-Ketten, Filmproduzenten, Internetkonzerne. Sie studieren unsere Gewohnheiten, weil sie wissen: Da können sie uns packen. Menschen treffen allein rund 200 Essensentscheidungen pro Tag – Ernährungswissenschaftler der Cornell University haben das tatsächlich nachgezählt – und die meisten davon aus Gewohnheit. Kein Wunder, dass alle Filialen von McDonald’s gleich aussehen und das Essen in allen gleich schmeckt.

Gewohnheiten: Das ist ein harmlos klingendes Wort, hinter dem viel mehr steckt als die wohlbekannten kleinen Spleens. Der Wert von Ritualen beruht darauf, dass Gewohntes uns Sicherheit und Vertrautheit gibt. Die Suchtwirkung von Fernsehserien liegt auch darin, dass man sich in ihnen von Folge zu Folge mehr zu Hause fühlt. Das Training von Leistungssportlern besteht zum großen Teil in der Gewöhnung an Bewegungsabläufe und mentale Ausnahmesituationen. Überhaupt ist Lernen oft das Prägen von Gewohnheiten. Das ganze Leben gründet auf einem Fundament von Gewohnheiten. Mehrere Studien, bei denen Menschen über längere Zeit in ihrem Alltagsleben beobachtet wurden, haben ergeben, dass wir zwischen einem Drittel und der Hälfte unseres Wachlebens "auf Autopilot" verbringen: Geschirr spülen, Auto fahren, Zähne putzen. Wenn es gut läuft, gibt es nichts Zuverlässigeres als eine Gewohnheit. Wenn es aber schlecht läuft, kann eine Gewohnheit das Leben schwer beeinträchtigen. Das allabendliche Betthupferl zerstört die Zähne. Der Hang zu schlechten Witzen ruiniert ein Date. Schwere Leiden wie Sucht, Depression und Zwangsstörungen rühren aus übermächtigen Gewohnheiten.

Es gibt keinen besseren Freund als eine gute Gewohnheit und keinen zäheren Feind als eine schlechte.

Den meisten unserer Gewohnheiten sind wir uns gar nicht bewusst. Sie sind automatische Handlungsmuster, die unterhalb des Radars des bewussten Denkens laufen – gerade das macht sie so praktisch. Sie nehmen uns eine Unmenge an Denkarbeit ab und lotsen uns sicher durch den Alltag. Ohne sie würden wir durchs Leben torkeln wie ein Boxer, der vor jedem Schlag erst mal nachdenken muss. Vor oder nach dem Frühstück duschen? Wie komme ich zur Arbeit? Nicht nötig, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, unsere Gewohnheiten erledigen das für uns. Wissen Sie noch, ob Sie sich heute zuerst den linken oder den rechten Schuh angezogen haben? Vermutlich in der gewohnten, aber nicht bewussten Reihenfolge.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/18.

Manchmal werden wir uns einer Gewohnheit dann doch bewusst: wenn sie stört. Oder, wie Psychologen sagen, wenn die "dysfunktional" wird, wenn also der Schaden den ursprünglichen Nutzen zunichtemacht. Ein Raucher kommt an der gerümpften Nase seiner Partnerin nicht mehr vorbei, eine Schokoladenfreundin kann die Ziffern auf ihrer Waage nicht länger ignorieren. Na gut, könnte man glauben, dann lässt man es eben. Aber so einfach ist es nicht. Der Segen der Gewohnheiten, ihre Beständigkeit, ist auch ihr Fluch.

Jeder Raucher weiß, was seine Gewohnheit im Körper anrichtet. Umfragen zufolge wollen mehr als die Hälfte aufhören, und viele von ihnen müssen erleben, dass Entschlossenheit allein dazu nicht reicht. Die Gewohnheit ist stärker. Viele Menschen naschen oder rauchen gegen ihren eigenen Willen weiter. "Die Forschung zeigt immer wieder, dass die einfache Intention, die Gewohnheit nicht fortzuführen, nur wenig bringt", sagt Peter Gollwitzer, Psychologe an der New York University und spezialisiert auf Handlungskontrolle. Natürlich wollen wir vernünftig sein. Natürlich halten wir uns für die Herren über unser Handeln. "Aber das Gehirn pfeift drauf", sagt Josef Egger, Psychologe und Verhaltensmediziner an der Universität Graz. Es folgt unbeirrt weiter seinen Gewohnheiten.

Wir halten uns für die Herrscher über unser Handeln. Aber das Gehirn pfeift darauf.

Dass Gewohnheiten so schwer zu ändern sind, hat viel damit zu tun, dass sie in ganz anderen Gehirnarealen zu Hause sind als das Bewusstsein, das rationale Denken und der Wille. Sie sitzen tief im Gehirn, in den evolutionsgeschichtlich uralten Arealen, die wir noch mit den Reptilien gemeinsam haben: in den sogenannten Basalganglien im limbischen System, das vermutlich schon das Verhalten der Dinosaurier lenkte.