Ich habe ein schlechtes Gewissen. Wer diesen Satz von seinem Gegenüber hört, etwa vom Partner, vom Kollegen oder vom eigenen Kind, muss auf alles gefasst sein. Kommt jetzt gleich "Ich hatte eine Affäre", "Ich habe das Firmenvermögen versenkt" oder "Ich habe wieder Drogen genommen"? Oder geht es nur um Kleinigkeiten à la "Ich hätte dir gestern besser zuhören sollen", "Ich habe deine E-Mail nicht beantwortet", "Ich habe den Müll nicht runtergebracht"?

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Wer kurz davor ist, diesen Satz seinem Gegenüber zu sagen, trägt etwas mit sich herum. Am Anfang war da vielleicht nur eine Ahnung, ein Unwohlsein. Eine Szene, eine Erinnerung, die immer wieder hochkommt. Dann die Einsicht: Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe jemandem geschadet. Ich habe mich nicht so verhalten, wie ich mich verhalten wollte. Und es tut mir leid. Jetzt geht es darum, mit diesem unerträglichen Gefälle umzugehen – zwischen dem Innenleben und den Mitmenschen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Das kann auch nur ein ganz dumpfes Gefühl sein. Man sieht die glücklich feiernden Menschen in der Werbung und denkt an all diejenigen, die man vernachlässigt. Man kommt an einer Kirche vorbei, und es steigt einem der katholische Duft von Weihrauch in die Nase, wie in der Kindheit, und mit ihm tauchen die Warnungen vor Spaß am Sex wieder auf. Man steigt in einen Urlaubsflieger und sieht vor dem inneren Auge die Klimakatastrophe heranrollen.

Das schlechte Gewissen ist ein ständiger Begleiter in unserem Leben – und eine mächtige Triebkraft. Das moralische Gefühl kann sich schon beim Kleinkind rühren, das gegen ein Verbot der Eltern verstoßen hat. Und es kann den Sterbenden belasten, wenn er merkt, dass er es nicht mehr schafft, sich noch mit seinem Kind zu versöhnen. Das schlechte Gewissen läuft uns in viel banalerer Form jeden Tag im Alltag hinterher: nicht nur bei vergessenen Geburtstagen oder nach falschen Gesten, sondern auch ausgelöst durch Dutzende, Hunderte Botschaften aus Werbung, Religion, Politik und sozialen Medien: Du müsstest dünn, freundlich, sportlich, engagiert sein. Du solltest ein Ehrenamt übernehmen, meditieren und nur noch vegan essen. Und auf keinen Fall darfst du ein Steak essen, rauchen oder abends noch Arbeitsmails checken. Von innen wie von außen hagelt es die Botschaft: Du solltest anders sein!

Eines wollen wir eigentlich immer: das schlechte Gewissen loswerden. Deshalb schauen wir es uns auch viel zu selten richtig an, verdrängen es lieber, versuchen es zu überspielen. Und gerade deshalb hat es so eine unheimliche Macht über uns. Die Kunst besteht aber darin, das schlechte Gewissen mit all seiner Kraft anzunehmen. Um es dann als eine Art Kompass nutzen zu können, anstatt uns davon lähmen zu lassen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/18.

Holger Kuntze hatte auf seiner Couch im Berliner Stadtteil Charlottenburg schon viele Menschen mit schlechtem Gewissen sitzen. Der Mann mit der ruhigen Ausstrahlung und dem festen, konzentrierten Blick ist Psychotherapeut und Coach. Die Menschen kommen zu ihm, wenn etwas nicht stimmt im Leben, vor allem mit den Beziehungen zu den Allernächsten.

Da gibt es den Mann, einen Manager, der seine Frau schon seit Jahren vertröstet. Er schwört, sie und die Kinder seien ihm über alles wichtig. Aber jedes Mal, wenn ein bisschen Zeit füreinander wäre, dann ist da noch eine Filiale zu eröffnen. Jedes Mal sagt er, das sei jetzt wirklich die letzte Stadt, in der noch eine Filiale aufgebaut werden müsse. Und jedes Mal findet er auf der großen weiten Erde doch noch eine Stadt, die mit einer Filiale beglückt sein will. Den Mann plagt ein notorisch schlechtes Gewissen.

Da ist die Freundin, die keine ist. Sie trifft sich mit alten und neuen Bekannten, die glauben, mit ihr durch eine tiefe Nähe verbunden zu sein. Sie geht mit ihnen ins Theater oder verquatscht sich bis tief in die Nacht hinein. Aber dann taucht sie wieder in ihr eigenes Leben ab, als gäbe es die anderen nicht. Sie antwortet nicht, wenn sie gefragt wird, ob sie sich wieder treffen will, lehnt Einladungen schroff ab. Sie spürt kein Bedürfnis nach enger Freundschaft. Im Fernsehen schaut sich die Frau an, wie beste Freundinnen gezeigt werden, und denkt: Ich sollte anders sein.

"Schlechtes Gewissen ist die Diskrepanz zwischen inneren Werten und Handlungen, zwischen dem Ich-Bild und dem Ich-Erleben, zwischen Sollen und Sein", sagt Holger Kuntze. Für ihn ist das Gefühl etwas ganz Normales, eine Notwendigkeit des Lebens: "Keiner ist perfekt, und keiner wird all seinen Ansprüchen gerecht." Der Therapeut sucht die Quelle des schlechten Gewissens nicht in einem Über-Ich, das sich aus der Gesellschaft speist, sondern im Individuum selbst. Die Stimme, die da spricht – das ist weder ein Fremder noch der liebe Gott, sondern das Ich.

"Früher dachte man, es gäbe ein absolutes, einheitliches Ich, das man finden könnte, heute wissen wir, dass es ein inneres Team gibt", sagt Kuntze. Und in diesem Team gibt es in der Regel einen, der die Rolle des Richters einnimmt. Bei manchen ist der Richter faul und leise, er meldet sich nur, wenn alle Alarmglocken in maximaler Lautstärke läuten. Bei anderen ist der Richter die dominante Figur im Team, immer da, immer ungnädig, immer laut. "Manche hören den ganzen Tag diese Stimme – das war falsch, das hast du schlecht gemacht, das hättest du nicht tun dürfen –, und sie glauben sogar, dass das schlechte Gewissen bei allen so dominant ist", sagt Kuntze.