Am 26. November 2001 begann für Kenneth Feinberg der härteste Job seiner Laufbahn. Als "grauenhafteste Erfahrung" beschrieb er ihn Jahre später. Alles habe sich dadurch geändert, seine Arbeit, sein Leben, er selbst. "Ich glaube, zum Besseren", schreibt er noch, aber er scheint sich da nicht ganz sicher zu sein.

Nachdem zwei Flugzeuge in das World Trade Center geflogen waren und ein weiteres Flugzeug ins Pentagon, hatte die Regierung unter George W. Bush einen Entschädigungsfonds geschaffen, der anders war als alle bisherigen: Eine einzige Person sollte das Geld an die Familien der Todesopfer und an die Verletzten verteilen. Viel Geld, wenig Bürokratie. Nach eigenem Ermessen und möglichst schnell.

Kenneth Feinberg war diese Person. In den folgenden drei Jahren traf er Tag für Tag Betroffene. Er sprach mit den Witwen, deren Männer bei der Feuerwehr gewesen und beim Helfen gestorben waren, mit Angehörigen von Börsenmaklern, deren Alltag in Villen und Privatschulen viel Geld verschlang, das jetzt keiner mehr verdiente, und mit Eltern von Menschen, die ohne Papiere nach New York gezogen waren und für die anderen geputzt, gekellnert, die Post ausgetragen hatten. Bis sie ums Leben kamen. Im Moment des Unglücks waren alle gleich.

Dem Tod ist Status und Vermögen egal. Aber Feinbergs Aufgabe war es, jedem der verlorenen oder verletzten Leben einen Wert zu geben, eine konkrete Summe, die er den Angehörigen auszahlen konnte. Was war das Leben einer Mutter wert, die ihre ganze Familie versorgt hatte? Bekommt ein Mann für seine tote Frau weniger, wenn sie nicht verheiratet waren? Macht es einen Unterschied, ob eine Person zuletzt versucht hat, sich selbst zu bereichern oder anderen zu helfen? Was bekommt man für einen Ex-Mann, eine Zweitfrau oder den gleichgeschlechtlichen Partner, von dem niemand wusste? Feinberg tauchte ein in das große Knäuel menschlicher Konstellationen, Lebensentwürfe und Gefühle – und erledigte dann seinen Job.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/18.

Mehr als 7 Milliarden Dollar verteilte er an insgesamt 5.562 Personen: Für einen Mann ohne Papiere bekamen die Angehörigen 250.000 Dollar. Für einen Kellner 500.000 Dollar. Für einen Polizisten 850.000, für einen anderen 1,2 Millionen. Für einen Börsenmakler mal 2 Millionen, mal 6 Millionen Dollar. Wirkt brutal. Als Feinberg von empörten Witwen gefragt wurde, warum das Leben ihrer Feuerwehrmänner weniger wert sei als das der Börsenmakler, erklärte er ihnen, dass Amerika eben so funktioniere. Der Kongress hatte ihm eine einzige Vorgabe gegeben: Als Basis der Entschädigungssummen solle das Einkommen der Opfer herangezogen werden. Später schrieb er in seinem Buch What is Life Worth? über seine Berechnungen und dass er dafür bete, dass niemals wieder jemand eine solche Rolle spielen müsse wie er.

Immanuel Kant hat gesagt: "Was einen Wert hat, hat auch einen Preis. Der Mensch aber hat keinen Wert, er hat Würde." Keiner möchte dem widersprechen. Und doch bemerkt, wer sich ein wenig umschaut: Alles hat einen Preis. Das Leben eines jeden wird – mal mehr, mal weniger subtil, aber doch ununterbrochen – bewertet und verrechnet. Wir leben in einer kapitalistischen Welt. Und wir sterben auch darin. Wir verkaufen unsere Arbeit, unsere Gedanken, unsere Zeit. Und bekommen unterschiedlich viel dafür. Unternehmen und Behörden kalkulieren Schmerzensgelder, Versicherungsprämien, Sicherheitsinvestitionen und Behandlungskosten. Organe werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt, Menschen auch.

Im Grundgesetz steht, dass alle Menschen gleich sind. Aber fängt man einmal mit dem Rechnen an, wird schnell klar: Das Leben hat nicht nur einen Preis. Es hat sehr viele. Und sein Wert ändert sich, je nachdem, ob ein Biochemiker darauf blickt, ein Personalmanager, Philosoph oder Volkswirt.

Materiell betrachtet ist unser Körper, wie alles auf der Welt, nichts weiter als eine Zusammensetzung chemischer Elemente, in unserem Fall vor allem der billigen. Bei 70 Kilogramm Körpermasse sind fast 69 Kilo aus Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Kalzium. Nur ein gutes Kilo ergeben die restlichen Elementen des Periodensystems. Sogar Gold, Silber und Lithium sind in Spuren Teil unserer Mixtur. Trotzdem bleibt der Materialwert gering. Sauerstoff, unseren Hauptbestandteil, gibt es umsonst aus der Luft, Kohle und Wasser sind ebenfalls günstig zu haben, Gold steckt für 0,7 Cent, Lithium für 2 Cent in uns.