Würden Sie jemanden heiraten, den Sie schon mal geheiratet haben? Katherine Hepburn spielt dieses gewagte Manöver in der klassischen Komödie Die Nacht vor der Hochzeit von 1940. Katherine alias Tracy heiratet ihren Ex-Mann, gespielt von Cary Grant, den sie zwei Jahre zuvor wegen seiner Sauferei vor die Tür gesetzt hat, noch einmal. Nach aller psychologischen Küchenweisheit ist Tracy völlig bescheuert.

Ihr Ex-Mann war Alkoholiker und hat sie wahrscheinlich betrogen. Und dann kehrt sie freiwillig in das Elend, dem sie gerade entronnen ist, zurück? Noch dazu hätte sie zwei attraktive Alternativen: ihren reichen, fürsorglichen Verlobten und einen jungen, stürmischen Dichter, die sie beide vergöttern. Doch Tracy erkennt, dass sie "keine Göttin" sein will, sondern "eine Frau", dass sie aufhören muss, andere für ihre Fehler zu verteufeln. Sie erinnert sich, wie sie darunter gelitten hat, dass die Ehe ihrer Eltern an der Untreue des Vaters zerbrach, und entschließt sich, es besser zu machen. Sekunden vor der Trauung tauscht sie ihren Verlobten gegen ihren Ex aus.

Gehen oder bleiben – im Film ging die Sache gerade noch mal gut aus. Im wirklichen Leben jedoch, ohne die Hollywood-Garantie auf ein Happy End, gehört diese Frage zu den schwierigsten überhaupt. Niemand erwägt leichten Herzens, eine Partnerschaft zu verlassen, eine Freundschaft zu beenden oder den Kontakt zu Eltern oder Kindern abzubrechen. Enge Beziehungen sind das wohl Wichtigste im Leben schlechthin. Von ihnen haben wir unsere besten Erinnerungen und unsere schlechtesten. Wer mit 95 auf sein Leben zurückschaut, wird sich wahrscheinlich nicht wünschen, mehr Zeit im Internet verbracht oder ein besseres Handy besessen zu haben. Eher wird man sich wünschen, mehr geliebt zu haben.

Die meisten Menschen führen Paarbeziehungen. Man könnte daher erwarten, dass wir alle natürliche Beziehungsexperten sind. Aber es ist so ähnlich wie beim Kochen: Die durchschnittlichen Künste reichen zwar für das tägliche Abendessen aus, aber sie machen uns nicht zu Jamie Oliver oder Paul Bocuse. Wer den Fortbestand seiner Beziehung infrage stellt, muss ein Dilemma lösen, in das man emotional, vielleicht auch ökonomisch tief verstrickt ist. Da kann es helfen, ein paar Schritte zurückzutreten und mit nüchternem Blick zu betrachten, wie man in diese Situation hineingeraten ist. Und dazu gehört die Frage, warum Menschen die Mühen enger Beziehungen überhaupt auf sich nehmen.

Der Rest der irdischen Fauna spart sich den Aufwand einfach. "Die allermeisten Spezies haben keine stabilen Paarbindungen", sagt Lars Penke, Persönlichkeits- und Evolutionspsychologe an der Universität Göttingen. Männchen und Weibchen kommen eher kurzfristig zum Sex zwecks Fortpflanzung zusammen, und das war es auch schon an Zweisamkeit. Sogar unter Säugetieren gehen nur drei Prozent der Spezies eine Paarbindung ein, um sich gemeinsam um den Nachwuchs zu kümmern.

Nur bei wenigen Tierarten tragen beide Elternteile zur Aufzucht der Kinder bei. Für Menschen jedoch ist die Sorge um den Nachwuchs eine besondere Herausforderung, denn wir bringen unfertige Kinder auf die Welt. Im Vergleich zu Tieren, auch zu anderen Primaten, sind menschliche Babys sehr unselbstständig – und bleiben es auch vergleichsweise lang. Das liegt an unserem großen Gehirn, dessen Gehäuse, der Schädel, durch den Geburtskanal im Becken der Mutter gezwängt werden muss. Damit es nicht stecken bleibt, hat die Evolution große Teile der menschlichen Gehirnentwicklung auf die Zeit nach der Geburt verlegt – die Lernphase, die wir Kindheit nennen. Deshalb brauchen Menschenkinder extra viel Starthilfe – und deshalb ist es die Norm, dass die Mutter bei der Aufzucht vom Vater, der ein genetisches Interesse am Gedeihen seiner Kinder hat, unterstützt wird. "Das ist aus evolutionärer Sicht der Grund, warum Menschen überhaupt langfristige Beziehungen eingehen", sagt Lars Penke.

Das biochemische Programm, das uns dabei leitet, heißt volkstümlich Verliebtheit. Als die amerikanische Anthropologin Helen Fisher und die Neurowissenschaftlerin Lucy Brown verliebte Versuchspersonen in den Gehirnscanner schoben, fielen ihnen Ähnlichkeiten zu der Gehirnfunktion Drogenabhängiger auf. So wie das hormonelle Belohnungssystem eines Heroinsüchtigen auf seinen Stoff fixiert ist, so flutet es bei Verliebten die Synapsen schon beim Anblick eines Fotos des Geliebten mit Dopamin. Die Partner nehmen einander als positiven Stimulus wahr und blenden Alternativen aus, sie haben "keine Augen mehr für andere". In dieser romantischen Phase scheitern Beziehungen sehr selten.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/18.

Wenn es nur um die Verbreitung der Gene ginge, dann wären die Fragen zum Eingehen und Auflösen von Beziehungen schnell beantwortet: Man kommt zusammen, um die Brut zu pflegen, und geht auseinander, wenn diese Aufgabe erledigt ist. Menschen würden so wenig mit der Frage "Bleiben oder gehen?" ringen wie Amseln oder Paradiesfische. Tatsächlich hat die Evolution auch uns so etwas wie ein Ablaufdatum für Beziehungen einprogrammiert: Spätestens nach vier Jahren verfliegt bei vielen Paaren die Verliebtheit. Helen Fisher spricht vom "four-years itch", dem Vier-Jahres-Jucken. Vier Jahre, gerade genug Zeit, um ein Kind zu zeugen und aus dem Ärgsten rauszubringen. Ein guter Zeitpunkt also, so scheint es, um auch das Romantik-Gedöns wieder sein zu lassen.

"So gesehen ist es erstaunlich, dass wir Menschen überhaupt monogame Paarbeziehungen über diesen Zeitraum hinaus haben", sagt Penke. Die Lebensform der dauerhaften Zweisamkeit ist nicht etwa nur eine Laune unserer abendländischen Kultur: Fast alle Gesellschaften kennen und pflegen die Institution der Ehe. Laut den Statistikern der Vereinten Nationen, die seit den 1940er Jahren Daten zu den Eheschließungen in aller Welt erheben, waren von 2000 bis 2011 im Durchschnitt 90 Prozent aller Frauen und 89 Prozent aller Männer bis zu einem Alter von 49 Jahren verheiratet.

Wenn solch ein Phänomen wie die Ehe fast eine kulturelle Universalie ist, muss etwas Bedeutendes dahinterstecken. Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, in verlässlichen Bindungen zu anderen Menschen zu leben. Nicht nur Babys brauchen das, sondern auch Erwachsene. Wem es fehlt, der kann an Körper und Seele krank werden. "In längeren, funktionierenden Partnerschaften ist der andere der sichere Hafen", sagt Lars Penke. Man kennt und vertraut einander, man unterstützt einander. Man weiß, wie man miteinander auskommt.

Wenn die anfängliche Verliebtheit verblasst, beginnt also die Phase der Kooperation. Der Kitt der Beziehung wechselt, es ist nun nicht mehr die unbändige Begierde, die zwei Jungverliebte zueinander zieht – sondern es sind Zuverlässigkeit, Verträglichkeit und gemeinsame Ziele. Das mag einigermaßen ernüchternd klingen, bedeutet aber nicht, dass das Liebesleben endet. Auch Sex ist ein gemeinsames Ziel: Er ist in Kooperation meistens ungleich besser als allein.