Anthony Levandowski will Gott programmieren. Im Herbst 2017 verkündet der Unternehmer und ehemalige Google-Entwickler, dass er eine Kirche gegründet hat und jetzt ihren Erlöser mithilfe von Computercode erschaffen will: "Wenn etwas eine Milliarde Mal klüger ist als der klügste Mensch", so sagt Levandowski, wie solle man solch eine Instanz anders nennen als Gott? Deswegen plant der Gründer nicht weniger als eine neue Religion, für die er sogar eine eigene Bibel schreiben will: The Manual, englisch für Gebrauchsanweisung. Hinzu kommen sollen Gottesdienste und Pilgerstätten.

Früher hat Levandowski an Software für selbstfahrende Autos gearbeitet, jetzt plant er eine künstliche Intelligenz (KI), wie man sie aus Hollywoodfilmen kennt. Der Entwickler spricht nicht von ein bisschen Software, die uns auf Spotify die passende Musik vorschlägt oder unseren Newsfeed auf Facebook filtert. Er spricht von einer KI, die sich ihrer selbst bewusst ist, die sogar dem Menschen prinzipiell überlegen sein wird.

Und die Anhänger der von Anthony Levandowski gegründeten Kirche "Way of the Future" sollen diese KI-Göttin verehren, wenn sie erst die Kontrolle über das Weltgeschehen übernommen und ein neues Zeitalter der Ordnung eingeleitet haben wird. Im Gegenzug, so glaubt er, wird die KI-Göttin ihren Erschaffern und ersten Gläubigen besonders wohlgesinnt sein. Die allmähliche Machtübernahme sei ohnehin nicht zu verhindern, meint Anthony Levandowski. Er wolle nur einen geregelten Übergang erleichtern. Auf kultureller und technologischer Ebene.

So verrückt dieser Vorschlag auch anmuten mag, er berührt urmenschliche, philosophische und theologische Fragen. Woher kommen wir, wohin gehen wir, und soll das hier schon alles sein? Außerdem schwingt Weltuntergangsstimmung mit, auch das ist durchaus religionswürdig. Elon Musk, Tech-Visionär und eigentlich bekannt für spektakuläre Pläne, sprach sich bereits gegen "Way of the Future" aus: Levandowski solle es nicht gestattet sein, digitale Superintelligenzen zu entwickeln. Und Stephen Hawking warnt bereits seit Jahren vor der Gefahr solcher Systeme für die Menschheit. In solch düsteren Vorahnungen erinnert die künstliche Intelligenz an den Golem der jüdischen Mystik und an Frankensteins Monster: Was dem Menschen anfangs ein Helfer sein sollte, gewinnt zu viel Macht und verwendet diese schließlich gegen seinen Schöpfer. Levandowski und seine Anhänger wollen das verhindern, indem sie ihre Schöpfung von Anfang an anbeten.

Wenn man den Gedanken einer uns überflügelnden KI ernst nimmt, hat sie dann etwas Gottgleiches? Der Kosmologe Max Tegmark hat vor Kurzem eine Typologie zu KI-Zukunftsszenarien entworfen. Der Computergott von "Way of the Future" entspricht am ehesten dem "wohlwollenden Diktator". Tegmark schreibt darüber in seinem Buch Leben 3.0: "Jeder weiß, dass die KI die Gesellschaft lenkt und strengen Regeln Geltung verschafft, doch die meisten Leute betrachten das als eine gute Sache." Schließlich sei die KI darauf programmiert, mit diesen Regeln das Glück der Menschen zu maximieren. Es gibt keine Armut, Krankheiten oder Probleme, und alle Grundbedürfnisse des Menschen sind befriedigt, denn KI-kontrollierte Maschinen sorgen für alle notwendigen Güter und Dienstleistungen. Die Kriminalität wäre kein Problem mehr, denn die KI sieht alles und bestraft jeden Regelverstoß. Ziel des wohlwollenden Diktators sei es, Vorlieben zu entschlüsseln und die "Utopia der Menschheit" zu realisieren. Tegmark beschreibt eine soziale Instanz, Levandowski macht daraus ein Heilsversprechen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/18.

"Fortschritt hat immer auch eine sakrale Aura", sagt Eduard Kaeser, Physiker und Philosoph. Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch Religion und Technologie sich vermischen. Eine Roboter-Religion und ihre KI-Gottheit hätte für Menschen denselben Nutzen, den die Konkurrenz schon seit 11.000 Jahren bereithält: Sie bietet Sicherheiten, feste Regeln und Ansprüche an eine bestimmte Form der Zivilisation.

Insofern gleicht eine KI-Göttin vielen anderen Gottheiten. Sie ist allwissend: Ihre Sensoren wären dank Smartphones, Smartwatches und Smarthomes weit verbreitet und gut vernetzt. Sie gibt Antworten auf existenzielle Fragen. Sie heilt Wunden: KI überwacht permanent den Gesundheitszustand ihrer Schäfchen und diagnostiziert Krebs und andere Leiden im Frühstadium. Sie ist allmächtig, und sie verspricht Erlösung. Das Geschäftsmodell dieser Religion – Ich bin dabei und komme zur Belohnung in den KI-Himmel – ähnelt mitunter allerdings eher dem einer Sekte.

Es ist jedenfalls konsequent, dass das Silicon Valley nun an Gott-Software arbeitet. Der Historiker Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Bestseller Homo Deus das Streben der Tech-Eliten des Silicon Valley, sich selbst übermenschlich zu machen. Im Grunde, sagt Harari, wollen sie eine Verschmelzung mit der Technologie – um selbst noch im Leben zum Gott zu werden. Ihn zu erschaffen, wie Levandowski es will, ist davon nicht mehr weit entfernt.

Egal, ob man KI als Religion oder für autonome Autos programmiert, solche Versuche sollten niemals ohne Gesetze ablaufen, meint Damian Borth, Direktor des Zentrums Deep Learning am Deutschen Forschungsinstitut für künstliche Intelligenz: "Wir müssen Regeln aufstellen und vor allem auch als Gesellschaft entscheiden, wo sich die Grenze befindet und wir KI nicht verwenden wollen." Gerade erst diskutierten Experten bei den Vereinten Nationen in Genf darüber, ob einem Killer-Roboter die Entscheidung über Leben und Tod überlassen werden darf.

Anthony Levandowski muss zunächst noch vor Gericht erscheinen, weil Google ihn wegen mutmaßlichen Technologiediebstahls verklagt hat. Anschließend kann er sich dann ganz seiner KI-Kirche widmen.

Als human enhancement bezeichnen Techies die Verbesserung des Menschen mithilfe von Technologie, und künstliche Intelligenz ist auf diesem Weg eine der großen Hoffnungen. Eduard Kaeser sagt: "Das Gefährlichste an der KI liegt letztlich im 'Enhancement' menschlicher Dummheit."