100. Jahrestag"... deutsches Blut zu rächen"

Beim ersten Großeinsatz deutscher Truppen in Schwarzafrika kamen 1500 Soldaten ums Leben. Dem Aufstand der Herero folgte Deutschlands erster Vernichtungskrieg von 

"...und es ereignete sich die größte Atrozität. die jemals durch deutsche Waffenpolitik hervorgerufen wurde." (Walther Rathenau)

Am 12. Januar 1904, morgens um 7.45 Uhr, fiel in Okahandja, der wichtigen Militärstation an der Eisenbahnlinie zwischen dem Hafen Swakopmund und der Hauptstadt Windhuk in Deutsch-Südwestafrika, der erste Schuß. Zwei Tage später wurde die Reichshauptstadt Berlin durch eine Meldung des Wolffschen Telegraphenbüros aufgeschreckt: "Nach hier eingetroffenen Telegrammen haben die Hereros durch Einschließung von Okahandja und durch Zerstörung der Eisenbahnbrücke bei Osona, etwa drei Kilometer südöstlich von Okahandja, sowie durch Unterbrechung der Telegraphenverbindung mit Windhuk die Feindseligkeiten eröffnet."

Trotz mancher Vorwarnungen kam der Ausbruch des Herero-Aufstands für die deutsche Kolonialverwaltung völlig überraschend. Zwar hatte es, seit die deutsche Regierung sich Anfang der neunziger Jahre entschlossen hatte, das 1884 erworbene "Schutzgebiet" zur deutschen Kolonie auszubauen, immer wieder Erhebungen einzelner Stämme gegeben. Doch das waren isolierte Unternehmungen geblieben, die von der kleinen deutschen Schutztruppe mühelos niedergeschlagen werden konnten.

Anzeige

Major Theodor Leutwein, seit 1894 dritter Gouverneur in Südwestafrika (nach Heinrich Göring, dem Vater des späteren Reichsmarschalls, und Hauptmann Curt von Francois). war ein Meister des divide et impera. Er verstand es, die deutsche Kolonialherrschaft zu etablieren, indem er Rivalitäten zwischen den Stämmen schürte und Häuptlinge gegeneinander ausspielte. Zu Diensten war ihm hierbei der Oberhäuptling der Herero. Samuel Maharero, der, um seine umstrittene Stellung zu festigen, die Zusammenarbeit mit den Deutschen suchte. Daß ausgerechnet dieser zugleich hofierte und verachtete Kollaborateur es war. der Anfang 1904 die Herero im Widerstand gegen die Kolonialmacht einte, war für Leutwein ein schwerer Schlag.

Hätten die Deutschen Land und Leute etwas besser gekannt - der Aufstand hätte sie nicht überraschen dürfen. Denn seit immer mehr weiße Einwanderer nach Südwestafrika kamen - 1891 waren es 539, 1903 bereits 4640 -, sahen sich die Hirtenstämme der Herero einer gewaltsamen Veränderung ihrer bisherigen Lebensweise ausgesetzt. "Wir sehen mit Entsetzen, wie ein Platz nach dem anderen in die Hände der Weißen übergeht", klagten Herero-Großleute in einem Brief an Leutwein vom August 1901. Nicht nur beanspruchten die Siedler einen immer größeren Teil des Landes, darunter gerade die besten Weideflächen: sie suchten sich auch durch allerlei betrügerische Machenschaften in den Besitz der durch eine verheerende Rinderpest des Jahres 1897 ohnehin stark dezimierten Herden zu bringen. Das Vieh war für die Herero nicht nur Grundlage ihrer Wirtschaft, sondern auch ein Unterpfand von Sozialprestige und Macht. Jede Einbuße mußte sie hier besonders empfindlich treffen.

Noch mehr als der Verlust von Land und Vieh erbitterte die Herero, wie sie von den deutschen Kolonialherren behandelt wurden. Für die meisten weißen Siedler waren die "Neger" Menschen zweiter Klasse, primitive, faule. triebhafte Wesen, denen man die Maßstäbe europäischer Gesittung und Arbeitsmoral buchstäblich einbleuen mußte. Prügelstrafen aus geringfügigen Anlässen. zumeist ausgeführt auf dem berüchtigten "Schambock", waren an der Tagesordnung, Im Juli 1900 sprachen sich Windhuker Bürger in einer Eingabe an die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes gegen die Abschaffung der Prügelstrafe aus: "Für Milde und Nachsicht hat der Eingeborene auf die Dauer kein Verständnis: er sieht nur Schwäche darin und wird infolgedessen anmaßend und frech gegen den Weißen, dem er doch nun einmal gehorchen lernen muß, denn er steht geistig und moralisch doch so tief unter ihm." Vergewaltigungen von Hererofrauen galten als Kavaliersdelikt: selbst Morde an Schwarzen blieben ungesühnt oder wurden nur geringfügig bestraft. Es war gerade diese alltägliche Diskriminierung, vor allem die Erfahrung völliger Rechtsunsicherheit, welche die Herero in den Aufstand trieb. In einem Brief an seinen alten Widersacher, den Häuptling der Witbooi-Nama, Hendrik Witbooi, schrieb Samuel Maharero am 11. Januar, einen Tag vor Beginn der Erhebung: "Laßt uns lieber zusammen (im Kampf) sterben und nicht sterben durch Mißhandlung, Gefängnis oder auf allerlei andere Weise." Doch der Appell erreichte den Adressaten nicht, weil der Brief Mahareros in die Hände der Deutschen fiel. Allerdings ist zweifelhaft, ob er bei Hendrik Witbooi auf Resonanz gestoßen wäre. Zu tief saß noch der Stachel der alten Feindschaft zwischen Herero und Nama (früher Hottentotten genannt). Statt die Herero zu unterstützen, schickte Witbooi den Deutschen hundert Krieger zu Hilfe.

Der Zeitpunkt für den Aufstand war klug gewählt: Gouverneur Leutwein befand sich seit Ende 1903 mit dem größten Teil der Schutztruppe im Süden der Kolonie, wo es zu Unruhen unter den Bondelzwarts gekommen war. Das Hereroland war also von deutschen Truppen weitgehend entblößt. In den ersten Wochen beherrschten Mahareros Krieger das Feld. Sie überfielen Farmen und Handelsniederlassungen, unterbrachen die für den deutschen Nachschub lebenswichtige Bahnlinie Swakopmund-Windhuk und belagerten die befestigten Militärstationen. Über hundert deutsche Männer, Siedler und Soldaten der Stationsbesatzungen, wurden getötet. Dagegen rührten die Aufständischen das Leben der Missionare nicht an, und auch Frauen und Kinder blieben verschont, ebenso Angehörige anderer Nationalitäten, einschließlich der Engländer und Buren ein Beweis dafür, daß sich der Aufstand nicht gegen die Weißen an sich, sondern allein gegen die deutsche Kolonialherrschaft richtete. Dennoch gelangten bald Berichte über furchtbare Grausamkeiten der Herero, über die "Abschlachtung" weißer Frauen und Kinder in die deutsche Presse. Sie wurden offenbar von interessierten Kolonialkreisen lanciert, um Haß gegen die Rebellen zu schüren und Stimmung für die Bewilligung zusätzlicher Militärausgaben zu machen. Die jungen Offiziere und Soldaten, die sich zu Tausenden freiwillig für den Kampfeinsatz in der Kolonie meldeten, betraten den afrikanischen Boden mit dem festen Willen, wie Gustav Frenssen seinen Helden in "Peter Moors Fahrt nach Südwest" sagen läßt. "an einem wilden Heidenvolk vergossenes deutsches Blut zu rächen".

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 14.01.1994 Nr. 03
Service