Körner Superstar

Freiheitskämpfer, Kriegsheld, arische Lichtgestalt und Vorbild des DDR-Soldaten - die Geschichte einer deutschen Leitfigur von René Schilling

"Nun, Volk steh auf und Sturm brich los!" So dröhnt Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 vor Tausenden Zuhörern in Berlin. In diesem fast wörtlichen Zitat gipfelt seine berüchtigte "Sportpalastrede" - der promovierte Germanist Goebbels weiß natürlich, dass die allermeisten in der Halle es kennen. Es stammt von Theodor Körner, aus seinem Gedicht Männer und Buben. Der Zweck ist klar: Der Propagandaminister mobilisiert für den "totalen Krieg" und fordert von der deutschen Bevölkerung "große Heldenopfer". Da bieten die Lyrik und das Leben des Theodor Körner ein ideales Beispiel.

Im August 1813, einen Monat vor seinem 22. Geburtstag, war der Dichter während der Freiheitskriege gegen Napoleon den "Heldentod" gestorben. Damit begann einer der bizarrsten "Karrieren" der deutschen Kulturgeschichte: Der Sohn des sächsischen Staatsrats und Ästhetikers Christian Gottfried Körner avancierte zu dem nationalen Opferhelden schlechthin. Körner, die "Idealfigur des deutschen Jünglings", wie ihn der Augsburger Historiker Johannes Burkhardt nennt, repräsentierte das Vorbild des Freiwilligen, der das Leben begeistert fürs Vaterland hingibt.

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Seine Stilisierung zur deutschen Leitfigur stand allerdings nicht von Anfang an für Nationalismus und Militarismus. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominierten liberale und demokratische Deutungen. So spiegelt die Körner-Legende wie kaum eine andere historische Erzählung die deutsche Geschichte der letzten zweihundert Jahre wider - weit über jenen 18. Februar 1943 hinaus bis in die Zeit der DDR, ja, sogar bis in unsere Tage.

Das kurze Leben des Dresdner Dichters gestaltete sich eher widersprüchlich als heroisch, und auch seine militärische "Laufbahn" hatte eher zufällig begonnen. Im Jahr 1811, knapp zwanzig Jahre alt, stand der aus hoch angesehenem Hause stammende Körner erst einmal vor dem Scherbenhaufen einer bürgerlichen Karriere: Als Vorsitzender einer studentischen Landsmannschaft in Leipzig hatte er mit Waffengewalt gegen eine adelige Studentenverbindung rebelliert - die Universität verurteilte ihn zu einem halben Jahr Haft.

Körner floh aus Leipzig und wurde von allen norddeutschen Universitäten verbannt. Ihm blieb nur der Ausweg nach Wien. Dort widmete er sich seiner stillen Leidenschaft, der Literatur. Mit Zriny, einem von nationalen, antinapoleonischen Tönen durchsetzten Drama, erlangte er eine Anstellung am Burgtheater.

"Wir türmen die Hügel ihrer Leichen zur Pyramide auf!"

Doch weder der berufliche Erfolg noch die Verlobung mit der Burgschauspielerin Antonie Adamberger hielten Körner in Wien, als sich im Frühjahr 1813, nach dem desaströsen Russlandfeldzug Napoleons, der Kampf Preußens gegen die französische Besatzungsmacht abzeichnete. Von patriotischen Gefühlen und Abenteuerlust getrieben, schloss Körner sich in Breslau einem Freikorps an, das Adolf von Lützow und Friedrich Ludwig Jahn Anfang 1813 gegründet hatten. In der regulären Armee, von adeligen Offizieren beherrscht, gehörte die Schinderei der einfachen Soldaten zum alltäglichen Drill. Die Lützower hingegen durften ihre Offiziere selber wählen und mussten keine entwürdigenden Strafen fürchten. Sie verstanden sich als Staatsbürger in Uniform, die nach dem Krieg wieder ins zivile Leben zurückkehren wollten.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 16. 11. 2000
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