Weltweit wächst die Kluft zwischen Arm und Reich seit Jahren. Die wirtschaftliche Globalisierung ist – je nach Perspektive – Auslöser, Verstärker oder Mittel zur Eindämmung dieser Prozesse. Sie setzt Volkswirtschaften einem gnadenlosen Konkurrenzkampf aus, stärkt aber auch die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit. Sie ist, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, steuerbar, wenn sich die Staaten auf Regeln einigen, die dem Kapitalismus Schranken setzen.

All das ist Thema des Gipfels in Heiligendamm. Doch statt uns über die Globalisierung und ihre Folgen auszutauschen, statt Wege zu diskutieren, diesen Prozess zu lenken, diskutieren die deutschen Medien über einen Zaun. Wer dieser Tage bei Google News nach dem Schlagwort "G8" sucht , findet ausführliche Informationen über die autonome Szene oder den Koch, der die Gipfelgäste betreuen wird. Mittlerweile mischen sich auch einige Aufrufe zur Verteidigung der Demonstrationsfreiheit unter die Meldungen. Zum eigentlichen Thema des Gipfels aber herrscht Funkstille. Es ist, als läge die Fußball-WM vor uns und nicht eines der weltweit wichtigsten politischen Ereignisse. Ein Fall von Medienversagen.

Die, die den Gipfel diskutieren, sind diejenigen, deren Friedfertigkeit viele Journalisten immer noch anzweifeln. Zwar rehabilitierte die Bundeskanzlerin mittlerweile die Demonstranten, dennoch bleibt "der Globalisierungsgegner" suspekt, irgendwie außerhalb des politischen Spektrums. Wie gut daher, dass sich kürzlich Heiner Geißler dem globalisierungskritischen Netzwerk attac anschloss . Sein Beitritt zeigt, dass Kritik am Verlauf der Globalisierung nicht "links" oder "radikal" ist, sondern ein Anliegen, das wie der Naturschutz irgendwann auch Anliegen sozialdemokratischer, konservativer und bürgerlicher Parteien sein wird.

Einstweilen aber bleiben die Globalisierungskritiker mit ihren Erwägungen unter sich. Das ist schade, hat aber auch etwas Gutes: Es entsteht ein junges, gut vernetztes, intellektuelles Milieu, das unbeeinflusst vom Talkshow-Berlin eigene Fragen aufwirft und sich, motiviert durch aufrichtige Erregung über die Umstände , auf die Suche nach neuen Konzepten des Zusamenlebens macht. Daraus könnte eines Tages eine politische Ideenwelt, sogar eine Bewegung entstehen. Ein solches Milieu würde die politische Landschaft nicht heute und nicht morgen, aber in den nächsten Jahrzehnten grundlegend verändern. Es wäre der dringend benötigte idealistische Nachwuchs. Vielleicht wird man unser Jahrzehnt gar einmal als jene Zeit bezeichnen, in der der Gedanke der einen Menschheit, ohne Nationen, seinen Ausgangspunkt hatte.

Vielleicht haben wir sogar eines Tages einen Außenminister, der im jungen Alter beim G8-Gipfel von Heiligendamm wegen einer Rangelei mit der Polizei verhaftet wurde. Es wäre nicht das Schlechteste.