Einmal starb ein Mann, der fabelhaft kluge Bücher schrieb. Einige Tage später schickte eine bekannte Zeitung einen Reporter zum Sohn des berühmten Schriftstellers. Ob er seinen Vater nicht bewundert habe, wollte der Reporter wissen. Der Mann nickte und sagte: "Ich erzähle Ihnen auch, weshalb."

Als der Sohn noch klein war, verdiente der Schriftsteller sein Geld noch nicht mit fabelhaft klugen Büchern. Im Gegenteil. Niemand interessierte sich für seine Manuskripte. Die Verlage lehnten sie in schmerzhafter Regelmäßigkeit ab. Also zog der Mann von Haus zu Haus und verkaufte Rasierklingen, Hustenpastillen, Schuhwichse und dieses ganze Zeug. Die Mitschüler zogen den Sohn deshalb regelmäßig damit auf, bis er sich selbst für seinen Vater zu schämen begann und für das Leben, zu dem das Geld gerade reichte. Häufig lag er abends weinend in seinem Bett und dachte darüber nach, von zuhause auszureißen. Doch dazu fehlte ihm der Mut.

Eines Tages traf sich die Klasse, um mit ihren Vätern Drachen zu basteln. Der Sohn wollte seinem Vater erst nicht davon erzählen, weil er den Spott seiner Mitschüler nicht mehr ertrug. Schließlich tat er es aber doch. Den ganzen Vormittag arbeiteten sie mit Papier, Leim und Holz. Einige Väter wollten besonders auftrumpfen und bauten Exemplare, die aussahen wie gigantische Quader oder Holzmodelle eines Einfamilienhauses. Einer der Väter war sogar Architekt. Seinen Vater interessierte das nicht. Er baute einfach einen Drachen, wie ihn jedes Kind kannte: Rautenform, grünes Transparentpapier, Mund, Auge, Nase und ein langer Kordelschwanz mit Zeitungspapierfliegen. Nachmittags gingen sie auf eine große Wiese. Die Söhne standen stolz neben ihren Vätern und jeder glaubte, den besten Drachen (und den besten Vater) zu haben. Nur der Sohn des Schriftstellers glaubte das nicht. Er war neidisch auf die Holzungetümer der anderen. Als dann aber die Drachen in die Luft steigen sollten, stürzten sie sogleich alle wieder auf die Wiese. Nur einer blieb oben und kam den ganzen Nachmittag nicht mehr herunter: der seines Vaters.

Der Sohn schwieg eine Weile. Dann sagte er zum Reporter: "Seine Bücher habe ich nie gelesen."

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