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Ich stehe früh auf, weil ich die Morgenstunden sehr liebe. Es ist ein Frühlingstag, draußen höre ich leises Vogelgezwitscher. Ich lebe allein in einem kleinen Haus am Waldrand. Es ist mein Elternhaus, hier bin ich groß geworden. Nach ein paar Jahren in der Welt und in der Stadt hat es mich wieder hierher gezogen.

Im Grunde hat sich hier wenig verändert, die Zahnräder laufen immer noch im selben Tempo wie vor fünfzig Jahren. Mit Anfang zwanzig ist mir deswegen manchmal schlecht geworden, ich habe mich über die Beschränktheit der Dorfgemeinschaft aufgeregt, alles schien mir kleinkarriert und spießig. Heute bin ich entspannter, ich werde den Lauf der Dinge kaum beeinflussen können.

Ich lebe hier eher zurückgezogen. Ab und zu fahre ich noch in die Stadt oder lade mir Gäste ein, doch im Grunde bin ich gerne allein. Es gibt einen Mann in meinem Leben, ich nenne ihn meinen Begleiter. Wir teilen viel, wohnen aber nicht zusammen. Wir leben frei von Erwartungen.

Mit dem Altwerden hab ich kaum Probleme, die Kniee zwacken ein bisschen, aber ich sträube mich nicht gegen den Lauf der Dinge. Ich bin viel freier als ich es in meiner Jugend war. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich habe geheiratet und Kinder aufgezogen, habe mein Bestes gegeben und ihnen auf ihrem Weg geholfen. Jetzt bin ich Oma, aber noch vielmehr bin ich einfach ich selbst.