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Ich mache es mir auf meinem Sofa bequem, betrachte die stürmische Landschaft durch die verglaste Front des kleinen Wintergartens und wärme meine Hände an einer Tasse Jasmintee. Neben mir stapeln sich angefangene Romane, ich lasse auf meinem uralten Plattenspieler leise eine Aufnahme von Debussys L’après-midi d’un faune laufen, ab und zu höre ich ein Rumpeln von unten, aus der Werkstatt.

Es ist Samstag und ich war auf dem Markt Obst, Gemüse und frischen Fisch einkaufen. Eine halbe Stunde mit dem Fahrrad in die Stadt, das schaffe ich noch gut. Nach einer kurzen Pause in den Kissen des Sofas mache ich mich in der Küche an die Arbeit. Schäle Kartoffeln und Karotten, schneide Lauch. Bald wird meine Jüngste mit ihrer kleinen Tochter zu Besuch kommen. Dann essen wir – Opa, Oma, meine Tochter Julia und die Kleine - zusammen Kartoffelsuppe und schauen und Mary Poppins auf DVD an. Später gibt’s noch Kaffee für Julia und mich und wir philosophieren über Heimat. Die beiden anderen verschwinden in der Garage, um das neu zusammen geschraubte Fahrrad zu bewundern.

Nachdem der Besuch gegangen ist, waschen mein Mann und ich das Geschirr ab. Dann ziehen wir uns warm an, um ein paar Schritte durch die frische Luft zu machen. "Heutzutage ist die Luft wirklich frischer," sagt er "Autos mit Luftdruckmotoren sind einfach eine coole Erfindung." Ich drücke ihm einen Kuss auf die Wange. Wie ich seine Archaismen liebe, wer sagt denn heute noch "cool"? Überhaupt habe ich ihn immer noch sehr lieb. Zum Glück passen unsere Schrulligkeiten gut zusammen und wir vertragen uns immer noch so gut wie vor 30 Jahren.

Wieder zuhause nehme ich meinen Laptop auf den Schoß. Eine Flut von Mails wartet auf mich. Drei Aufträge für Artikel bei unterschiedlichen Zeitungen. Vier Mails von Freunden aus Italien, Russland, Belgien und England. Und ein Haufen Spam. Ich beantworte meine Post und wende mich dann meiner Online-Plattform 65plus.eu zu. Vorgestern habe ich sie das letzte Mal gepflegt, jetzt sind einige Aktualisierungen notwendig.

Ich überarbeite die Chats, bringe ein neues Thema ins Gespräch – Erotik mit 65plus –, verlinke dazu altersgerechte Erotikfilm-Downloads. Außerdem stelle ich Kurzberichte über neue Gadgets für Alte auf die Plattform und gebe die neusten Rezensionen zu Kinofilmen und Büchern frei, die mir meine freien Autoren, alle über 65, geschickt haben. Ich aktualisiere die Hauhaltshilfenbörse und die Kontakt-Datenbank für Email-Freundschaften. Ganz besonders stolz bin ich auf ein Interview, das ich mit Britney Spears zu ihrem 70. Geburtstag geführt habe, über das Altwerden. Ich setze es als Aufmacher auf die Plattform, füge noch eine Bildergalerie hinzu. Ich bin zufrieden mit meiner Sonntagsausgabe.

Wenn ich Zeit habe, chatte ich manchmal in anonymen Internet-Foren. Dann ist es plötzlich egal, wie alt ich bin und ich kann mich unterhalten, ohne darauf achten zu müssen, ob es sich geziemt, das oder jenes zu sagen, mit siebenundsechzig. Vor Einsamkeit fürchte ich mich deshalb nicht, auch wenn ich mal nicht mehr so beweglich sein werde. Irgendjemand am anderen Ende der Erde hat immer Zeit für einen Plausch.