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Als Künstler hat man keine Wahl. Einmal Musiker, immer Musiker. Einmal Autor, immer Autor. Ich könnte nicht eines Tages mein Klavier verkaufen und beschließen, ich gehe jetzt in Rente. Genau so wenig wie ich aufhören könnte, Texte zu schreiben. Die Chancen stehen also sehr hoch, dass ich in vierzig Jahren den gleichen Beruf ausüben werde wie jetzt. Vielleicht verdiene ich damit bis dahin mehr Geld und muss keine Nebenjobs mehr annehmen. Vielleicht bin ich sogar so reich, dass ich auch mal einen Auftritt absagen kann. Ich werde aber bestimmt weiterhin Geschichten schreiben und Musik machen.

Ich beobachte, dass bei den meisten Menschen innere Stagnation mit einer gesetzten Lebensweise zusammengeht. Ein geregelter Familienalltag mit Kindern lässt es in vielen Fällen nicht zu, dass das Schöpferische und Suchende das Leben bestimmt. Träume sind nicht mehr so wichtig, Spontantanität wird schwieriger. Wenn ich an die Zukunft denke, sehe ich weniger Kinder denn Lieder, Bühnenmusik, Texte oder sogar Bücher. Ich steuere also zumindest momentan nicht auf das zu, was meine Großelterngeneration als "normales Leben" bezeichnet. Ich werde wohl auch weiterhin nachts wach bleiben, weil ich eine Radiosendung zu Ende hören will, und nicht, weil mein Baby schreit.

Wen meine Werke ansprechen werden, weiß ich nicht. Vielleicht bleibe ich in einem Stil stecken wie viele Menschen, wenn sie älter werden. Ich vermute das aber nicht, ich kann von neuen Klängen und Stilrichtungen nie genug kriegen. Und ich kann mir nicht vorstellen, warum sich das plötzlich ändern sollte.

Wenn es meine Gesundheit zulässt, werde ich wohl auch mit 67 Jahren abends noch das machen, was ich am liebsten tue: auf Konzerte gehen. Die besoffenen Teenager werden mich genau so nerven wie jetzt. Und die Live-Musik wir mir immer noch zu laut sein. Ich werde also auch dann Ohrstöpseln tragen und mich fragen, wieso Tontechniker die Höhen nicht besser aussteuern können. Vielleicht werde ich dabei weniger hüpfen als heute. Vielleicht werde ich mich aber noch immer als einzige bewegen, wenn das Publikum rundherum lahm ist.

Ob ich dabei auffallen werde, weil ich die einzige meines Alters bin? Vielleicht. Vermutlich werden in den 2040ern die spannenden Musiker so alt sein wie ich heute. Und wahrscheinlich kommen zu ihren Konzerten nicht viele Fans über 60. Hoffentlich werde ich mir trotzdem nicht peinlich vorkommen. Und falls doch, wird es mir dank meiner altersbedingten Gelassenheit wahrscheinlich ziemlich egal sein. Peinlichkeit ist ja ohnehin immer Ansichtssache.

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