"Und? Was machst du so?" – Die Frage klingt unverdächtig. Wenn sie aber ein alter Schulkamerad stellt, geht sie direkt ans Eingemachte: Was ist aus dir geworden? Was hast du geleistet, seit sich unsere Wege getrennt haben? In welche Schublade kann ich dich stecken? Bist du Streber, Mittelmaß oder jetzt schon Versager?

Folgt man der Logik der Leistungsgesellschaft, lande ich wohl in der untersten Schublade: Versager. Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt und habe keine Lust mehr. Nach einer sechswöchigen Testphase habe ich mein Studium abgebrochen. Weil ich es doof fand, unnötig und langweilig. Natürlich hätte ich ein bisschen Disziplin beweisen und weiterstudieren können. Das Leben ist schließlich kein Wunschkonzert, Durststrecken gehören dazu, so schlimm ist es nicht und so weiter. Aber erstens finde ich es schlimm, meinen Wunsch nach Selbstverwirklichung für unbestimmte Zeit gegen einen unerträglich fremdbestimmten Studienalltag einzutauschen. Und zweitens reizt es mich nicht, den Karrierezwang zu erfüllen, ohne vorher Alternativen getestet zu haben.

Für meine weitere Karriere ist mein aktuelles Nichtstun mehr als fahrlässig, für das Gesamtwirtschaftsvorhaben bin ich derzeit ungefähr so nützlich wie Ex-Planet Pluto für die Sonne. Mein Verhalten passt nicht in das Weltbild, das wir schon in der Grundschule vermittelt bekommen: Nur wer etwas leistet, bekommt Anerkennung und ist etwas wert.

Aber was soll ich mit einem Leben, in dem ich zum Leben gar keine Zeit habe? Das Leben ist zu wertvoll, um es mit Blödsinn zu verschwenden. Also war es höchste Zeit, abzubrechen. Nicht weil ich aus dem Leben aussteigen wollte, sondern weil ich endlich Zeit haben wollte bewusst zu leben. Nutze nicht den Tag, vereitle ihn!

Jetzt stehe ich morgens nicht mehr mit dem Gefühl auf, den Tag bewältigen zu müssen, sondern habe Zeit, seine Dramaturgie zu studieren. Es ist unfassbar, wie viel Reichtum und Schönheit jedem einzelnen Augenblick inne wohnen kann, wenn man durchatmet und hinguckt. Beim ziellosen Streunen durch ein bisher unbekanntes Stadtviertel, dem Spaziergang auf dem Friedhof oder beim Fahrradfahren im strömenden Regen. Beim Ausruhen auf einer Wiese kann ich die Wolken über mir vorbeiziehen lassen, in der Innenstadt das hektische Treiben von Tauben und Menschen miteinander vergleichen, und beim Schaukeln auf dem Spielplatz gelangweilte Eltern beobachten.

Was von außen vielleicht wie das aussichtslose Verlegenheitsgammeln eines egoistischen Taugenichts wirkt, ist für mich gezielter Müßiggang. Ich bin derzeit ohne Beruf und Ausbildung, aber arbeitslos bin ich nicht. In meinem aktiven Nichtstun richte ich mich nach meinen Bedürfnissen, schlafe aus, treffe mich mit Freunden, male, schreibe, kann auf Menschen eingehen und Dinge tun, die ich schon längst einmal machen wollte. Und wenn ich meine Meinung kurzfristig ändere, kann ich den nächsten Termin deshalb absagen, weil ich lieber Eis essen gehen möchte. Und ich stehe nicht unter Druck, meine knappe Freizeit auch noch möglichst effizient mit Entspannungsarbeit zu füllen. Es gibt weniges, das schöner ist.

Natürlich wird es ein Ende meines Nichtstuns geben, und diese Perspektive lässt mich im Müßiggang auch nicht verloren gehen. Irgendwann wird mein Erspartes sowieso aufgebraucht sein und dann werde auch ich wieder müssen etwas tun müssen. Das stört mich, weil ich dann wieder mehr Kompromisse eingehen muss, als meinem Wohlbefinden gut tun. Ich sehe noch keine Lösung für dieses Problem, aber es muss sie geben.

Ich will kein Leben aus Alternativmangel führen, sondern ein Leben aus Überzeugung. Mein Schulkamerad nennt mich deshalb vielleicht naiv und findet, dass ich mich in verrenne. Aber er hat auch noch nichts ausprobiert.

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