Für die Zeit nach Kriegsende, bei auslaufender Rüstungsproduktion und fortschreitender Demobilisierung, war vielfach ein schneller Umschlag von der Vollbeschäftigung zur Arbeitslosigkeit vorausgesagt worden. Aber die Dinge nehmen offenbar einen anderen Verlauf. Von Kanada abgesehen, das mit rund einer Viertelmillion Erwerbsloser eine nicht allzustarke saisonbedingte winterliche Arbeitslosigkeit aufweist, wird überall in den Siegerstaaten von einem empfindlichen Arbeitermangel berichtet.

Den stärksten Bedarf an "Händen" hat wohl Großbritannien. Dort wurden kürzlich durch Sir Stafford Cripps einige charakteristische Zahlen über die Gliederung der Arbeiterschaft bekanntgegeben. Rund zwei Millionen Menschen sind danach in der "Urproduktion" beschäftigt, also in der Farmwirtschaft und im Kohlenbergbau Dieselbe Zahl etwa entfällt auf öffentliche Dienste aller Art, einschließlich Verkehr. Weitere drei Millionen Menschen sind in der Wirtschaftsgruppe Handel, Banken und Versicherungen tätig: "Helfer der Produktion" also, indirekt produktiv, aber nicht selber produzierend.

So bleiben nach Abzug der Bauarbeiter und einiger anderer kleinerer Gruppen als Industriearbeiter im engeren Sinne nur vier Millionen Menschen übrig. Sie sollen die (industriellen) Verbrauchsgüter für mehr als 40 Millionen Menschen erzeugen. Sie müssen, neben der Versorgung des ausgehungerten inneren Marktes, den industriellen Apparat durch Schaffung von Neu- und Ergänzungsanlagen modernisieren, denn zweifellos liegt ein erheblicher Investitionsbedarf vor. Und sie sollen nun vor allem für den Export arbeiten, der (nach britischen Schätzungen) auf 175 Prozent des Vorkriegsstandes gesteigert werden muß.

Nicht an der mangelnden Aufnahmefähigkeit der Märkte für Englands Standardprodukte wird vermutlich die geforderte Exportausweitung scheitern. Der Warenhunger wird noch für lange Zeit hinaus sehr groß bleiben, und Mittel für die Bezahlung dieser Importe, notfalls auch Kredite, werden beizubringen sein. Die Expansion der britischen industriellen Ausfuhr wird vielleicht eine Schranke in der Tatsache finden, daß nicht genügend "Hände" aufzutreiben sind.

Andere Länder, die im Moment (und noch für längere Zeit vermutlich) erheblichen Bedarf an Arbeitskräften haben, helfen sich jetzt durch Menschen-Import. So hat Sowjetrußland, wie bekannt, schon während des Krieges billige chinesische Arbeitskräfte herangezogen; dazu kommt eine hohe Zahl an Kriegsgefangenen und sonstigen Reparationsarbeitern. In Paris hat Unterstaatssekretär Parinaud soeben erklärt: "Frankreich wird zwei bis drei Millionen Fremdarbeiter brauchen." Vorläufig sind von insgesamt 700 000 deutschen Kriegsgefangenen über zwei Drittel, etwa eine halbe Million also, zur Arbeit eingesetzt.

Die Masse der Fremdarbeiter aber wird demnächst Italien stellen. Bisher haben 20 000 italienische Bergarbeiter Kontrakte für Frankreich, 30 000 für Belgien und 10 000 für die Tschechoslowakei.

An ein Hereinholen italienischer Arbeiter nach England wird wohl kaum gedacht werden. Aber es gibt eine andere Möglichkeit, die erforderlichen Mengen an Exportgütern zu schaffen, nämlich sie im "Lohnvertrag" produzieren zu lassen. Ein erstes großes Experiment dieser Alt wird vom Alliierten Hauptquartier in Tokio unternommen. Amerikanische Textilfachleute haben die japanischen Verhältnisse überprüft und danach, um den dringlichsten Bedarf zu decken, die Einfuhr von 200 000 Tonnen Baumwolle freigegeben. Drei Viertel dieser Mengen sollen zu Kleidung verarbeitet werden; der Rest geht für die Herstellung von Bindfaden, Netzwerk, Preßtüchern, Förderbändern und dergleichen in die Industrie. Dazu kommen weitere Baumwolleinfuhren zur Verarbeitung auf Exportfertigwaren. – Aus der Verarbeitungsspanne, die bei diesem Geschäft erlöst wird, ist naturgemäß in erster Linie die für Japans eigenen Bedarf importierte Rohbaumwolle zu bezahlen. Vom Standpunkt der USA aus bedeutet dies alles nichts anderes, als daß ein Teil der Exporterzeugung von Baumwollgarnen und -geweben in einer Art Lohnvertrag nach Japan verlagert ist. Angenehmerweise braucht der Verarbeitungslohn nicht in bar gezahlt zu werden. Er wird vielmehr in natura abgegolten, nämlich durch die Rohstofflieferungen, aus denen der Verarbeitende seinen eigenen Rock webt.

Georg Kessel