Von JAN MOLITOR

Manchmal, beim Vorübergehen, blicken sie in erleuchtete Fenster. Sie sehen vielleicht einen runden Tisch, ein Stück Bücherregal, ein Stück Tapete. Sie sehen ein paar Quadratmeter eines freien Raumes, auf dem sich keine Menschen dringen. Sie spüren die Atmosphäre von Freiheit innerhalb vier behüteter Wände. Und sie haben dabei das würgende Gefühl von Hungernden, die an einem gefüllten Bäckerladen vorüberkommen. Dann gehen sie "heim" in den Bunker.

Am Eingang hängt noch die Verordnung über das Verhalten bei Fliegeralarm. Obwohl diese Zeiten lange genug vergangen sind, hat man versäumt, den Aushang wegzunehmen. Vielleicht aus Gleichgültigkeit, vielleicht aber auch, weil sich niemand berechtigt dazu fühlte in diesem Kreise der Unberechtigten. Überhaupt ist das Interesse allgemein ganz anders, das man täglich dem nächsten Aushang entgegenbringt: den Portionen der Nahrungsmittelzuteilung Da wird von "Kalt-" und "Warmverpflegung" und von "Kaffeetassen" gesprochen, als sei man beim Militär. Sie leben auch kartenlos wie beim Militär, die Bunkerleute, aber es ist sicher, daß sie die gleichen Verpflegungssätze erhalten, die sich die anderen Menschen, die Wohnungs- oder Unterkunftbesitzenden, in ihrer mehr oder minder bürgerlichen Freiheit auf Karten kaufen können. Daneben wird zweimal täglich "heißes Wasser" angekündigt, als sei auch dies ein Nahrungsmittel. Das dritte Plakat am Bunkereingang’ aber ist die Ankündigung einer Puppenhandbühne. die für Bunkerinsassen billige Karten oder gar Freiplätze bereithält So scheint es, daß ein einziger für die Leute im Bunker noch etwas übrig hat. und dies ist das Kasperle.

Das nächste ist, daß man eine Wendeltreppe hinaufgeht oder hinaufstolpert, denn es ist ziemlich dunkel, weil irgendwer wieder einmal eine Glühbirne hat mitgehen heißen. "Ihr. die ihr eintretet...", steht in Kreideschrift an der Wand So weit kam der dantekundige Wandschreiber, als man ihn überraschte. Jetzt liegt er auf der Holzbank und hat Husten in Zimmer 1. linker Hand, im ersten Stock des Hochbunkers.

Eine geradegeschnittene Bretterwand und eine runde Außenmauer An der Bretterwand Mäntel, Kleider, leere Rucksäcke; an der Außenmauer rinnt das Wasser. Fenster sind nicht vorhanden, und die Luft ist dick, als könne man sie in Scheiben schneiden mit diesem rostigen Messer dort auf dem Schemel neben der Bank, auf der der hustende alte Mann liegt. Der gleiche weiße Vollbart eines Patriarchen aus den Büchern Wie aus Büchern, so klingen auch seine Worte.

"Frau!" sagt er. Eine vermummte weibliche Gestalt erhebt sich aus der Ecke, humpelt näher, beugt sich über ihn. "Frau", wiederholt er, "eile und sage dem Hoteldirektor, daß im Falle der Unmöglichkeit, die Toilettenzustände zu verbessern, ich mit meiner ganzen Suite ausziehen werde aus dem wohlrenommierten Hause!’’

Jeder Bunkerraum hat eine eigene Toilette, die morgens gesäubert wird. Aber was nützt es, wenn in jedem Raum so viele Menschen hausen, daß man um die Worte des Alten zu wiederholen, "niemals den betreffenden Übeltäter faßt, der mangels Sauberkeit und Papier und so weiter ..." Er sagt: "Zuerst ist man sittlich entrüstet und zutiefst erbost, aber schließlich... Was wollen Sie! Bunkermenschen" Er sagt es nicht wegwerfend oder verächtlich, er spricht es wie eine wissenschaftliche Artbezeichnung aus. als handele es sich um eine neue Spezies Mensch. Er hebt seinen Zeigefinger: "Was macht ein Tier, wenn sie es zwei Tage lagen Es fällt um und ist tot. Der Mensch aber läuft weiter Er ist konstruiert, Schlimmeres zu ertragen als irgendein Lebewesen auf dieser Erde Er gewöhnt sich ein Hat er keine Wohnung, so kann er sogar in einem Bunker leben. Er kann es, weil er nicht allein ein denkendes, also ein mißtrauisches, sondern vielmehr noch ein hoffendes Lebewesen ist."