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Von RICHARD TUNGEL

Wörter haben magische Gewalt. Leicht lösen sie sich von der Gelegenheit, bei der sie gesprochen, und werden zu einer Macht, die Jahrhunderte überdauert, obgleich der ursprüngliche Sinn längst, verlorengegangen ist. Als im Jahre 1541 Margarete von Österreich, die elfjährige Tochter Maximilians I., vom französischen König, dessen Sohn sie anverlobt war, aus Paris nach Deutschland zurückgeschickt wurde, sprach der zornige Vater bei ihrem Empfang das Wort vom "französischen Erbfeind" Die Folgen der Familienfehde waren bald vergessen, das Wort ist geblieben. Es war zu einer selbständigen Macht geworden, und Jahrhunderte hindurch trug es immer wieder dazu bei, die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zu vergiften. Das gleiche tat auf der andern Seite das Wort "Sicherheit Frankreichs", das einige Jahrzehnte später unter der Regierung Franz’ I. aus besonderem politischem Anlaß entstand, und das schließlich Napoleon bis nach Moskau trieb. Auch in unseren Tagen hat ein Wort grauenhafte Folgen; gehabt, und entsetzliches Unglück über die Welt gebracht, ein Wort, das in den letzten Jahren unzählige Male in Deutschland gedankenlos ausgesprochen worden ist, das Wort: der Arier.

Sehen wir zunächst nach seiner Herkunft. Im Sanskrit bedeutet arya: Herr. Damit bezeichneten die indogermanischen Bewohner Vorderindiens sich selbst. Alle anderen Völker Indiens hießen dasyu = Sklave und später anarya = nicht Herr. Damit war ein tatsächlicher Zustand gekennzeichnet. Die "Arier" waren Eroberer, ein Volk aus den Gebirgsländern des Nordwestens, das in die Niederungen hinabgestiegen war und die Ureinwohner unterworfen hatte. Es war ein "Herrenvolk", das über Sklaven, die "Nichtarier", herrschte. Solange diese historische Situation andauerte, war die Wortgebung angemessen; auf sie angewandt, ist sie heute noch sinnvoll.

Wörter aber haben die Eigentümlichkeit, daß sich ihre Bedeutung wandelt, sie haben die Neigung – vor allem, wenn sie überaltert sind – zu Begriffen zu werden, die sich mit ihrem ursprünglichen Sinn nicht mehr decken. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts wurde das Sanskrit für die europäische Sprachwissenschaft wiederentdeckt. Bei seiner Durchforschung kam man zu der Erkenntnis, daß ein Verwandtschaftsverhältnis besteht innerhalb des großen Sprachstammes, dessen Vertreter einen Teil Asiens und fast ganz Europa bevölkern. Für diesen Zusammenhang war ein Name zu finden. Während man in Deutschland sich im allgemeinen auf "indogermanisch" einigte, -tauchte daneben auch die Bezeichnung "arisch" hauptsächlich bei englischen und französischen Gelehrten auf. Diese Unsicherheit der wissenschaftlichen Nomenklatur wurde noch dadurch vermehrt, daß in der deutschen Wissenschaft die indisch-iranische Gruppe des gesamten Sprachstammes als "arische" Gruppe bezeichnet wurde zum Unterschied von den armenischen, albanischen, griechischen, italischen, keltischen und baltisch-slawischen Sprachen und Sprachfamilien.

Daß nun dieser Sprachverzweigung eine unbekannte Ursprache zugrunde gelegen haben muß, wurde allgemein angenommen. Zu dieser Ursprache aber gehört ein unbekanntes Urvolk. Damit traten die Indogermanen oder Arier zum ersten Male auf den Plan. Aus einem sprachwissenschaftlichen Begriff wurde so eine Personifikation, und wie gedankenlos es war, ein Volk, dessen indischer Zweig seine Eroberungen doch noch nicht begonnen haben konnte, "Arier", das heißt Herren, zu nennen, fiel nicht auf. Die historische Situation, aus der das Sanskritwort arya entstanden war, blieb .vergessen. Der "Arier" wurde zu einer leeren Bezeichnung, die keinen Wortsinn mehr hatte.

Aus den ältesten Nachrichten, aus prähistorischen Funden und aus dem Vergleich der etymologisch übereinstimmenden Kulturwörter versuchte man die Gesittung dieses möglichen Urvolks zu erforschen. Damit taucht zuerst der Begriff "arische Kultur" in der Wissenschaft auf. Aber wohlgemerkt, er bezog sich nur auf die primitive Gesittung des indogermanischen Urvolks. Man stellte fest, daß es einfachen Ackerbau getrieben hat und einige gezähmte Haustiere besaß, darunter auch das Schwein, und in diesem Sinn hat der Titel von Walter Darres Schrift – nur der Titel! – "Das Schwein als Zeichen arischer Kultur" (spotten ihrer selbst und wissen nicht wie) einen gewissen wissenschaftlichen Sinn.

Teile dieses nunmehr erfundenen Urvolks müssen aus ihrem ursprünglichen Wohnsitz, den man übrigens nicht kennt, Wanderungen unternommen haben; denn sonst wäre die Entwicklung der verschiedenen Sprachstämme nicht zu erklären. Diese Eroberungszüge nannte man die "arischen Wanderungen". Sicheres weiß man über sie nicht. So war der Spekulation der Wissenschaftler und Pseudowissenschaftler die Region des Irrtums aufgetan. Da man die Kultur der unterworfenen Ureinwohner nicht kennt, wurde schlankweg angenommen, daß die Eroberer sie gründlich vernichtet hätten. Das, was sich noch vorfindet, ward den Ariern zugeschrieben und galt ohne weiteres als "arische Kultur", obgleich doch Eroberer gewöhnlich keine Zeit haben, eine Kultur mitzubringen, und keine Muße, um eine neue zu entwickeln. Kurzweg wurde damit, ebenso schnell wie falsch, die "Überlegenheit der – arischen Kultur" dekretiert.

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Wie ließ sich dies nun mit der doch nicht wegzuleugnenden Primitivität des arischen Urvolks vereinen? Es gibt keinen Widerspruch, der sich nicht durch einen Gedankensprung überwinden läßt. Rassenfanatiker traten auf und erklärten die überraschenden kulturschaffenden Fähigkeiten als Eigenschaften der "arischen Rasse".

– Jetzt endlich hatte man einen Begriff, der so vage war, daß sich alles bei ihm denken, läßt. Rasse nämlich ist eine schwankende Bezeichnung, über deren Definition sich die Biologen der Welt nicht einig sind. Aber das Wort war gefunden, und nun brauchte man nur so zu verfahren, als ob sein Dasein ein Beweis für die Wirklichkeit dessen wäre, was es bezeichnet.

Immer noch war aber auch dieser Begriff an eine historische Situation gebunden, nämlich an die Zeit während und nach den gemutmaßten arischen Wanderungen. Die größte Frechheit, mit der dieses Wort sich seine Macht eroberte, trat auf, als die "arische Rasse" in die Jetztzeit versetzt und als noch existent proklamiert wurde.

Völkischer Fanatismus hat diese Fälschung zustande gebracht. Von einer einheitlichen Zusammensetzung jener Völker, die heute die Vertreter des großen indogermanischen oder "arischen" Sprachstammes bilden, kann nicht die Rede sein, da überall seit Jahrtausenden starke Mischungen eingetreten sind. Das Wort aber war stärker als alle Vernunft und gelangte – schon deswegen – zu überraschender Geltung. Ein Wortgötze war aufgerichtet, den man anbeten konnte: der Arier, der Repräsentant eines Herrenvolkes von überlegener Kultur. Was lag näher, als einen neuen Götzen zu schaffen, den man ihm entgegensetzen konnte wie die Nacht dem Tage: zum Arier wurde der Nichtarier gesellt.

Vor diesen beiden Fetischen, die nun – und das ist bemerkenswert – jeden historischen oder sprachwissenschaftlichen Sinn verloren hatten, und die nur noch leere Wörter waren, lag man auf den Knien. Dem einen schrieb man alles zu, was licht, schön, gut und groß war auf der Welt, den andern bedeckte man mit Schande, Sünde und Schmach. Jeder konnte nach eigenem Belieben – und wie verlockend war das – auf den einen alles häufen, was er liebte und verehrte, und mit dem andern alles jeder Regung des Lebens hassenswert schien. Die Wörter hatten; zwar jede Bedeutung verloren, aber sie waren zur Macht geworden.

Solange dieser Wortfetischismus sich nur in Schriften austobte, von Gobineau über Houston Stuart Chamberlain bis zu Alfred Rosenberg, war er noch verhältnismäßig harmlos. Bücher wie Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts" bedeuten an sich nicht mehr als eine Kuriosität des abstrusen Denkens. Wahrhaftig gefährlich wurden die Wörter erst, als sie in die Politik eindrangen und zur Hauptstütze eines Parteiprogramms wurden.

Dies zeigte sich als Deutschland der Macht des Nationalsozialismus erlag. Zuerst wurde der Fetisch mit den negativen Eigenschaften ans Licht gezerrt. Das Schlechte und Häßlich-Groteske wirkt ja auf die Menge, die in ihm nie ihr eigenes Spiegelbild sieht, stets eindringlicher und stärker als das Gute und Schöne. In dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" von 1933 hieß es im Paragraphen 3, daß "Nichtarische Beamte" zu entlassen seien. Gemeint waren in erster Linie Juden. Aber das Wort war stärker als der Sinn, den es ausdrücken sollte. Es war ja längst kein einfaches Wort mehr, sondern eine Weltanschauung. Sogar die von ihm betroffenen Kreise sprachen, von seiner magischen Gewalt erfaßt, nunmehr von sich selber in täglichen Gesprächen als von Nichtariern. Daß durch dieses Gesetz und viele Verordnungen und Gesetze gleichen Sinnes namenloses Elend und Unglück entstand, störte die Machthaber nicht; daß aber die ganze Welt über den Wortgötzen "Nichtarier" lachte und spottete, verletzte sie tief. Wie der Neger seinen Fetisch, der ihm, wie er glaubt, Unglück gebracht oder*seine Wünsche nicht erfüllt hat, verprügelt und aus dem Kral stößt, so warf die Hitler-Regierung ihren Wortgötzen zunächst in die Ecke. Und wie der Neger stellte sie einen neuen auf, auf den sie die gleichen Eigenschaften übertrug. In den Nürnberger Gesetzen war nicht mehr von "arisch" und "nichtarisch" die Rede, sondern von "deutschem, artverwandtem und artfremdem Blut". Das unterjochte Wort rächte sich. Seine angemaßten Eigenschaften "Herrenvolk" und "überlegene Kultur" trat es nun den neuen Wörtern ab. Der Deutsche wurde der Inbegriff des Ariers schlechthin. Man muß diese unheimliche Macht des Wortes verstehen, das alle Gedanken längst unterjocht hatte und alle Gefühlsregungen beherrschte, wenn man einsehen will, welche Vorstellungen Hitler und alle, die an ihn glaubten, in den letzten Jahren beherrschten. Das Gefühl der freien Berechtigung zu den ungeheuerlichsten Freveln, die törichte Siegeszuversicht, die Unterschätzung des Gegners, all dies ist aus dem Wortaberglauben entstanden. Was verschlug es, wenn nichtdeutsche Nationen zugrunde gingen? Sie waren kein "Herrenvolk". Was zählte die Zerstörung der deutschen Städte – die kulturelle Überlegenheit" machte einen schöneren Wiederaufbau gewiß; Konnten die Deutschen besiegt werden, wenn sie bis zum letzten kämpften? Niemals, das Wunder mußte täglich, stündlich eintreten; ein "Herrenvolk" kann nicht vernichtet werden. Und wenn diese Welt wirklich entgöttert werden sollte, dann mußten die Götter auch göttlich-kämpfend "zugrunde gehen.

Nur mit tiefem Pessimismus und bitterer Skepsis kann man nach einem so unheimlichen Beispiel die Möglichkeit betrachten, die uns Menschen gegeben ist, mit Wörtern Gedanken auszudrücken. Kritischer Verstand allein und behutsame Wachsamkeit können uns vor dem Mißbrauch bewahren, den Wörter durch ihre Macht mit uns treiben.