Sicherheit – viele Menschen haben danach gestrebt in den letzten Jahren. Wer vor den Bomben aus den Städten flüchten konnte, ging aufs Land, rettete seine Habe in kleine Dörfer, schickte Frauen und Kinder fort zu Verwandten. Dann ging die Woge des Krieges über Deutschland. Vieles, was gerettet schien, wurde vernichtet, Leben und Besitz. Endlich schwiegen die Kanonen. Langsam fingen die Menschen an aufzuatmen. Sicherheit – die übriggeblieben waren, begannen von neuem, sich einzurichten in einer armseligen gesicherten Welt. Der Alltag – oft verspottet – kam wieder zu Ehren. "Alltäglich" hatte man jahrelang mit Achselzucken gesagt und nach Erregung gefiebert. Wie gut, daß das Leben jetzt wieder alltäglich geworden war.

So dachten auch die Einwohner von Lüchte. Die Härte des Winters war überstanden, schon schmolz im Wesergebirge der Schnee. Man brauchte nicht mehr zu frieren. Es regnete unablässig, das war besser als harter Frost, man hatte ja keine Kohle und wenig Holz. Da begann die Emmer zu steigen, das kleine Flüßchen, das sich langsam am Städtchen vorbei durch die Wiesen schlängelt, schnell, ungewöhnlich schnell trat es über die Ufer. Von der Weser her staute sich die Flut. Die Felder wurden überschwemmt. Aber in Lüchte war man sicher. Seit Menschengedenken hatte es hier keine Wassersnot gegeben, seit den schlimmen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Das Wasser stieg, es umspülte den Fuß der Stadtmauer. Der Bürgermeister rief die Einwohner auf. Mit Balken, Bohlen und Sandsäcken wurden die Tore verrammelt. Das Wasser stieg. Meterhoch stand es an der alten Mauer. In Lüchte ging man trockenen Fußes durch die Straßen. Wie vordem friedliche Länder inmitten der brennenden Welt, so lag Lüchte, eine Insel, trocken, tief unter dem Wasserspiegel.

Da plötzlich brachen die alten Mauern unter der Gewalt der drängenden Fluten. Tosend brauste das Wasser durch die Breschen, überströmte Straßen und Gärten, stürzte durch Fenster und Türen in Keller und Erdgeschoß. Die Vorräte retten, Koffer und Kisten nach oben schleppen? Zu spät. Das Wasser stieg. Im oberen Stock, auf Böden und Dächern drängten sich die Bewohner. Wird es weiter steigen? Gibt es Sicherheit, gibt es noch eine Zuflucht vor den drängenden Gewalten?

So saßen sie hin und her geschüttelt zwischen Furcht und Hoffnung. Wie Noah nach der Taube, schauten sie aus, ob sich kein Hoffnungszeichen fände. Zwei bange Tage, zwei bange Nächte. Dann langsam begannen die Fluten sich zu verlaufen.

Was der Krieg verschont hatte, war eine Stätte der Verwüstung geworden. Dicker Schlamm klebte an den Wänden, bedeckte die Fußböden Große Löcher waren in die Wände gerissen, die Möbel verdorben, die Vorräte vernichtet. Das Vieh lag tot in den Ställen, Gärten und Felder waren versumpft, die Saaten fortgeschwemmt. Sicherheit – Alltag – verzweifelt sehen die Menschen auf zu dem grauen Himmel. Gibt es Sicherheit in der Welt, behagliches Glück, Ruhe, Frieden, eine Insel, die von den Fluten verschont, bleibt?-el.