England war die einzige europäische Großmacht, die ihre politische, soziale und wirtschaftliche Struktur von 1914 bis 1945 nahezu unangetastet hat bewahren können. Sinnbild dieser festgewurzelten Tradition war die Gestalt Winston Churchills, der vor 1914 bereits einen wichtigen Posten im britischen Kabinett eingenommen hat

England hatte das große Glück, seine Währung durch alle die Wirrnisse der letzten 30 Jahre hindurchzuretten, und wenn auch der Wert des Pfundes, gemessen am Golde, abgewertet wurde, so blieb ihm die innere Kaufkraft, die die Sparguthaben und damit die Stellung des Mittelstandes unangetastet ließ, ganz im Gegensatz zu allen anderen europäischen Großmächten

1945 trat jedoch der entscheidende Wandel ein. Mit dem Siege der Labour-Partei bei den letzten Parlamentswahlen hat Großbritannien entschlossen einen neuen politischen Kurs eingeschlagen, der seinen äußeren Ausdruck in den Forderungen auf Verstaatlichung des Transportwesens und der Kohlengrube findet. Für den deutschen Beobachter, der sechs Jahre von der Umwelt abgeschnitten war, kam dieser Wandel überraschend Dabei handelte es sich bei diesem innerpolitischen Kurswechsel, wie in jeder wahrhaften Demokratie, nur um das Sichtbarwerden von Veränderungen, die den Aufbau der gesamten Nation berührten.

Bereits im Herbst 1944 veröffentlichte die britische Regierung einen Rechenschaftsbericht über die wirtschaftlichen Folgen des Krieges, der jedem Einsichtigen bewies, daß England nach diesem Kriege nicht innerhalb der alten Formen verharren könnte. Die großen Auslandsguthaben, die in Jahrhunderten aufgehäuft worden waren und auf denen ein großer Teil des britischen Lebens beruhte, waren nicht nur aufgezehrt, sondern in eine bereits damals beträchtliche Verschuldung an das Ausland verwandelt. England ist in den ersten Weltkrieg mit einem Auslandsvermögen von 4 Milliarden Pfund, in den zweiten mit 3,7 Milliarden Pfund Sterling eingetreten. Davon waren bereits Mitte 1944 1 Milliarde Pfund ausgegeben worden, und dem verbleibenden Guthaben stand eine Verschuldung von rund 3 Milliarden Pfund gegenüber, die sich inzwischen auf 4.22 Milliarden erhöht haben. Die britische Regierung selbst rechnet damit, daß die notwendigen Einfuhren zusammen mit dem Zinsfehlbetrag nach Kriegsende einen Devisenbedarf von 1,2 Milliarden Pfund Sterling bedingen würde. Das ist der finanzielle Hintergrund der großen Anleihe in USA von 1,~ Milliarden Pfund.

Ist Nordamerika aus dem ersten Weltkrieg als Gläubigerland hervorgegangen, so geht England aus dem zweiten als Schuldnerland hervor, und das bedeutet eine völlige Umstellung für die gesamte Weltwirtschaft England, das früher immer Kapital bereitstellte und beschaffte, wenn es galt, die Weltwirtschaft und den Welthandel aufzubauen, ist heute auf äußerste Sparsamkeit angewiesen Es muß Devisen verdienen, um leben zu können, aber die Voraussetzungen haben sich verschlechtert. Ein beträchtlicher Teil der einst an erster Stelle in der Welt stehenden Handelsflotte ist zerstört, und außerdem ist ihr in der jungen aufblühenden nordamerikanischen Handelsflotte ein ernstlicher Wettbewerber entstanden, die heute über mehr als den doppelten Schiffsraum als England verfügt.

Genau so empfindlich dürften die Verlagerungen im Welthandel wiegen. Amerika hat sich zur Westlichen Hemisphäre viel enger zusammengeschlossen als vor 1939, abgesehen davon, daß jahrelang Nordamerika allein dorthin liefern konnte. Die Dominions haben vielfach eine eigene Industrie aufgebaut – Kanada war 1945 das bedeutendste Exportland, der Erde nach den Vereinigten Staaten, hat also das Mutterland überflügelt – und Europa, das naturgegebene Feld des britischen Handels, das eigentliche Hinterland der Londoner City, liegt in Trümmern. Die Sparmaßnahmen, die die englische Bevölkerung nach dem Kriege in der Ernährung und der Kleidung auf sich genommen hat, der Verzicht auf die bisherige Zufuhr aus den Dollarländern und die geplante Umgestaltung des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens zeigen, daß die Engländer entschlössen sind, den Tatsachen nüchtern ins Auge zu sehen.

Zu diesen materiellen Umwandlungen durch den langen Krieg kommen die seelischen. Aus den Bombenangriffen, die zum ersten Male seit Jahrhunderten englischen Boden wieder zum Schlachtfeld machten – nach dem erwähnten Bericht der britischen Regierung sind rund ein Viertel aller Häuser in England zerstört oder beschädigt worden –, aus den wiederholten Evakuierungen der größeren Städte, aus dem Hängen und Bangen der schweren Stunden des Jahres 1940 ist eine neue Nation hervorgewachsen, von einem sehr viel ausgeprägteren Sozialbewußtsein durchdrungen, als jemals zuvor.