Von CHRISTIAN ROSTORF

Im frühen Jahr 1800 besteht der Referendar am Kammergericht Berlin, Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann aus Königsberg in Preußen, das dritte juristische sogenannte Examen rigorosum. Er ist eben vierundzwanzig Jahre alt und hat so fleißig und eingezogen gelebt, daß der Oheim, bei dem er wohnt, ihn zuletzt warnt: er möge sich hüten, daß die Lust der Welt nicht künftig an ihm Rache nehme Ende März wird dem jungen Assessor bescheinigt. daß er vorzüglich verdiene, als "Rath in einem Landesjustiz-Collegio" angestellt zu werden. Natürlich sei die übliche mehrjährige Bewährungsprobe abzulegen. So wird Hoffmann nach Posen versetzt.

Seine gesellschaftlichen Talente sind an der Warthe bald beliebt. Wie von anderem Stern in die Zirkel der leichtlebigen Honoratioren gewirbelt. dämonisch in unterschiedliche Ichs gespalten, ein burlesker Gnom, ein sarkastischer Exzentriker und ein fleißiger Verwaltungsmann, sucht der Werdende in diesen Monaten auf unterschiedlichen Wegen nach sich selbst. Einstweilen nur liebhaberisch sich erprobend, regt der kommende Künstler in ihm hier doch die Schwingen zum frühesten Flug: Goethes Singspiel "Scherz, List und Rache", von Hoffmann dramaturgisch vereinfacht und in Musik gesetzt, von Döbbelins Truppe dargestellt, erntet lauten Lokalruhm.

Über den platten Horizont seiner weitläufigen Bekanntschaft, witzig und satirisch wie er selbst, schaut Hoffmanns schriftstellernder Amtsbruder, der Regierungsrat Schwarz. Auch dessen schöngeistige Frau überragt die Pfahldörflerei. Sie ist lebenstüchtig als Bäckerin delikater Pflaumenkuchen; produktionsfreudig als Autorin von vier (übrigens gedruckten) Romanen; scharfzüngig als Kunstrichterin einer Literaturzeitung; eine resolute Tüchtigkeit alles in allem, die zugleich den leberkranken Assessor liebreich bemuttert. Die Kollegenschaft im ganzen, eine "lustige Verbrüderung", behagt sich in manchem kecken Streich. Als die Lustigkeit überschäumt, bleibt Hoffmann auf der Strecke; ein Opfer des eigenen Genies.

Militär- und Zivilbehörden lieben sich im Posen von Anno 1800 nicht. Gegen Beamtenschaft und Honoratioren stehen, sich betont absetzend, die Offiziere. Eine gesellschaftliche Affäre mit tödlichem Ausgang verschärft die Spannungen. Nun wird ein scharfer Vertreter des alten Kurses, Generalmajor von Zastrow, als Chef des 39. Füselierregiments an die Warthe versetzt. Es beliebt ihm, den Graben zu verbreitern: zu seinen Repräsentationsbällen und Tees werden nur Adel und Beamtenschaft, vom Rat aufwärts, geladen. So brüten die Leidgenossen der versagten, Lustbarkeiten nunmehr Rache an der "Militärpartei". Und Assessor Hoffmann, ein genialer Karikaturist, nimmt es auf seine satirische Feder, das Gericht zu vollstrecken.

Die Verschworenen sammeln, was nur immer an Abgeschmacktem und Gespreiztem von den winterlichen Bällen des grimmen Generals bekannt wird. Trage, wer sich je eine Blöße gegeben, seinen Nasenstüber davon! Was seine Spießgesellen aushecken, umreißt Hoffmann zu unentrinnbar treffender Karikatur: Ein adelsstolzer Leutnant, Spieler von Profession, erscheint als Piquebube; zwei Junker, die keinen Mietwagen bezahlen können, haben sich einen Invaliden gemietet, daß er sie standesgemäß im Korb zum Ball trage; eine späte Adelsschönheit, immer noch die ehrgeizige Liebhaberin der exklusiven Liebhaberbühne, packt Büchsen und Fläschchen ein: Jeunesse, Beauté, Fraicheur. – Der Gipfel endlich: General von Zastrow als Regimentstambour, auf umgehängter Teemaschine trommelnd: "au Thee! au Thee!"

Hoffmann hat, auf daß sein Witz sich popularisiere, seine Blätter vervielfältigt. Zwei stattliche Mappen bergen ergiebigen Vorrat. Diesen vertreiben auf der großen Karnevals-Redoute Hoffmanns Freunde Schwarz und Albrecht, als Bilderhändler maskiert. Scharfsinnig achten sie, daß keiner etwa das eigene Spottbild erhalte. So steht nun bald in dieser, bald in jener Ecke eine die den sie Umzingelnden das je erhaltene Bildchen erklärend: ahnungslos natürlich, daß man in einem dritten Winkel sich bereits auf ihre Kosten vergnüge. – Endlich haben sich die Getroffenen verständigt und "Greift die Bilderhändler!" schallt es, "Haltet sie fest!" Doch ist der Polizeidirektor mit von der Partie; weder erwischt man die Täter an diesem Abend, noch überführt man sie beweiskräftig späterhin. Dennoch weiß jeder, wer die Hauptschuldigen sind. Zastrows Beschwerde bei des Königs Majestät verursacht eine Untersuchung; ergebnislos. Doch jubilieren die spottfrohen Juristen zu früh: Eines Tages werden Schwarz, Albrecht und Hoffmann auf Drängen der Militärs aus Posen entfernt.