Von Ivo Hauptmann

Der Sohn des Dichters Gerhart Hauptmann, der – heute selber sechzigjährig – als Maler in Hamburg lebt, erzählt auf unseren Wunsch von seinem Vater, um dessen Schicksal das geistige Deutschland in großer Sorge ist, seitdem bekannt wurde daß er sich von schwerer Krankheit nur mühsam erholt

Bei der Kälte der Zimmer fällt es schwer, Gedanken oder Erinnerungen zu sammeln, die gleichsam tot und erstarrt in ihren Verliesen schlummern und nicht lebendig werden wollen.

Zuletzt hörte ich die Stimme meines Vaters aus Agnetendorf durchs Telephon. Sie war wie immer weich, klar, warm, deutlich und berichtete, daß eine Reise nach Dresden geplant gewesen sei. Er hatte abgelehnt, da er in Agnetendorf bleiben wollte. Ich bestärkte ihn in dieser Absicht, ich war überzeugt, daß die Sturmflut des Krieges an dem einsamen weisen Mann, an dem rastlosen Verkünder menschlichen Leides und Mitleides, dem großen Künstler halten werde. Dann ist er doch gefahren und kurz darauf erlebte er den Untergang von Dresden. Er saß am offenen Fenster und sah von der Anhöhe, von der einst Caspar David Friedrich den schwermütigen Sonnenuntergang gemalt hatte, dem Toben der Dämonen zu. "Wenn ich sterben soll, so will ich in Agnetendorf sterben" waren seine Worte zu einem meiner Freunde, der bei ihm war So fuhr er zurück in seine Werkstatt, den Wiesenstein in Agnetendorf.

Die Berge liegen um das Haus herum wie große Tiere, die es bewachen. Gewitter, Sturm, Donner, der aus den Tälern widerrollte sich eilig folgende Blitze, die das Gebirge fahl erhellten, empfingen uns. Vater und Sohn, in der ersten Macht vor sechsundvierzig Jahren Die drei großen, in Blei gefaßten Hallenfenster kamen uns wie geblähte Segel entgegen. Scheiben klirrten, Pfannen polterten über das Dach und zerschellten krachend am Boden Wir beide hatten treppauf, treppab zu tun. um der drohenden Gefahr Herr zu werden, bis. die rasenden Berggeister sich beruhigt hatten.

Ostern 1943 fuhr ich das letzte Mal von Hamburg nach Agnetendorf Hier heulten die Sirenen und warnten vor dem Untergang. Menschen flüchteten mit Koffern und Habseligkeiten, fast von Sinnen, in Bunker und Keller Radio Hamburg gab Luftlagemeldungen die in beruhigendem Ton das Entsetzen ankündigten Noch standen Deutschlands zitternde Städte, man fuhr durch eine blühende Landschaft, das unvermeidliche Unheil ahnend. Die Züge waren überfüllt, damals fingen die Ausgebombten an, mit den Geldern der Feststellungsbehörde nach Wien zu reisen, um sich ein Hemd zu kaufen Auf der Durchreise in Berlin am Görlitzer Bahnhof früh um sechs Uhr war die Bahnhofssperre belagert, mit Mühe erkämpfte man sich einen Platz im Zug Bei Greifenberg grüßte das alte Gebirge von ferne. Wie oft schon war ich den Weg von Hermsdorf unter den Kynast, der verfallenen Raubritterburg, von deren steil abfallenden Felsen Kunigunde ihre Bewerber mit Mann und Roß in den Abgrund stüzen ließ, nach Agnetendorf hinaufgegangen, dem Lauf des Flüßchens Agnete folgend, das von der Landstraße in Windungen umspielt wird Links und rechts mit Schindeln bedeckte Bauernhäuser, die auf Fußwegen über Wiesen zu erreichen sind, wenn die Straße sie nicht berührt. Eine offene Sägemühle, in der die schweren Stämme aus den Bergen von fleißig nagenden Zahnreihen der Länge nach in Bretter verwandelt werden Einige Gasthöfe, Kretschams benannt, verraten die alte Paßstraße nach Böhmen. So wanderte ich in der Erwartung. meinen Vater wiederzusehen.

Ein strahlender, warmer Frühlingstag umgab uns, die Bäume begannen zu blühen, Schnee auf dem Gebirge belebte die Landschaft und das reine Grün der Wiesen wechselte mit dem rötlichen Ackerboden, Blattknospen sprangen auf Eine Insel des Friedens. Der Achtzigjährige saß in der Sonne, die dunkle Brille vor den Augen, um der Kraft des Gestirns zu begegnen. Er hatte eine Vergiftung überwunden, war nicht so beweglich wie sonst, aber sein Geist strahlte klar und jung wie der Frühlingstag. "Wir sind mitten in der Revolution und müssen abwarten, was dabei herauskommt. Es gibt keinen anderen Weg, als die Menschen ihre Dummheiten machen zu lassen." Dies waren Worte, die er uns zurief. "Mach: ist kein erstrebenswertes Ziel", fuhr es aus mir heraus. "Du bist mein Sohn", erwiderte er. Wir sprachen davon, es sei nicht die Welt zu bessern, er schüttelte den Kopf: "Der völlige Zusammenbruch, das völlige Versagen der Weltverbesserungsideen für die Menschheit hat sich eindeutig erwiesen."-