Aus dem blutigen, lärmenden Kaiserschauspiel des ersten Napoleon mit seinen Marschällen und Großwürdenträgern, seinen Ruhmsüchtigen und Geschäftemachern den ewig geld und geltungsbedürftigen Brüdern und Schwestern und ihrem Anhang, aus diesem, Dämonenreigen hat das Wort einer Frau die Zeiten überdauert. Letitia Buonaparte, die Mutter des Kaisers, die den schwindelhaften Aufstieg ihres Sohnes besorgt und ablehnend mit ansah, hat es gesprochen; und wenn wir ihrer, die in diesen Tagen vor 110 Jahren starb, heute gedenken, so geschieht es am jenes Wortes willen, in dem die mütterliche Einheit von Natur und Vernunft so gradeheraus zum Ausdruck kommt.

"Pourvou que ça doure!", sagte sie in ihrem harten Korsika-Französisch. "Ja, wenn das dauern würde!", könnte man sinngemäß übersetzen.

Der Mann, der mit der Rabulistik seiner Worte und Taten die Zweifel ganz Europas zu ersticken trachtete, hat die Skepsis und innere Ablehnung seiner Mutter nicht erschüttern können. Sie ließ sich weder durch Purpur und Atlas, noch durch Diademe und goldgestickte Bienen in ihrem Wirklichkeitssinn beirren. Als korsische Landfrau, als ärmliche Emigrantin in Marseille, als gefeierte Mutter eines erfolgreichen Generals und schließlich als Herrin von Schlössern, Hofdamen, Kammerherren blieb sie im Grunde ihres Herzens was sie war: eine auf haushälterische Ordnung bedachte vernünftige Frau und sorgende Mutter.

"Pourvou que ça doure!" Es ist ein weibliches Wort. Man braucht nicht gleich anzunehmen, daß eine klare, überlegene Erkenntnis der Zeitverhältnisse dahintersteckt, die sie möglicherweise gar nicht haben konnte. Vielmehr ist das Wort aus dem eingeborenen Wissen der Natur geboren, daß verwurzelte Ordnungen weder durch Willkürakte noch durch überraschende Siege beseitigt werden können. Das Pendel der Geschichte schlägt zurück.

Uns Deutschen ist eine solche Mahnerin nicht gegeben worden. Bei uns wurde das Wort von den tausend Jahren gepredigt, das jeden Zweifel in die Dauer des Nationalsozialismus ausschließen sollte, eben jenen Zweifel, der die Maßlosigkeit des Wollens und Zerstörens hätte gefährden können. Mit einer für uns Sterbliche unendlich scheinenden Zeitdauer wurde um Vertrauen geworben, wurde die falsche Sicherheit gezeugt, die den Andersdenkenden brutal verfolgte und Recht und Ordnung beiseite stieß.

Daß ein skeptisches "Ja, wenn das dauern würde!" im nationalsozialistischen Deutschland nicht an höherer Stelle laut wurde, lag sicher zu einem Teil daran, daß dieses Regime keine Frau in sichtbarer gesellschaftlicher Stellung kannte. Eva Braun, die im letzten Augenblick und für weite Kreise des Volkes überraschend aus den Kellern der Reichskanzlei auftauchte, als über ihr die Stadt schon brennend zusammenstürzte und ein Reich zerbrach, hat die Rolle einer führenden Frau wohl kaum angestrebt. Die Frauen der Minister und Vertrauten wurden Hitler sorgfältig ferngehalten.

Auch Letitia, Madame Mère, hat das Schicksal ihres Sohnes nicht wenden können, aber sie verkörpert doch das mahnende Gewissen der Griechen, nicht der Überhebung, der Hybris zu verfallen. Ihr Wort hat sein Gewicht und seinen Wert, auch für uns Heutige, nicht verloren, wenn wir es nur sinngemäß ergänzen: daß nämlich, genau wie der Schein trügerisch und das Glück vergänglich, auch das Unglück nicht von ewiger Dauer ist.

Das Rad des Schicksals hat uns von angemaßter Höhe heruntergerissen, aber die Zeit geht weiter, das Rad dreht sich, und das mag uns glauben helfen, daß es auch wieder aufwärts führen wird. So wie jene Frau dem gleißenden Glück mißtraute, so sind es heute wieder Frauen, die sich vom Unglück nicht ins Bodenlose stürzen lassen. Es will uns scheinen, als sei bei ihnen die Zuversicht stärker als bei manchen Männern. Lz.