"Es ist unser Ziel, nach 12 Jahren der Naziherrschaft und -propaganda eine freie Presse in Deutschland wiederherzustellen. Dies ist einer der ersten Schritte in dieser Richtung. Mit Ausnahme der monatlich erscheinenden Gewerkschaftszeitung ist 'Die Zeit' die erste in Hamburg herausgegebene Zeitung, die eine Lizenz erhält."

Mit diesen Worten überreichte Brigadier Armytage den vier Gründern der jungen Wochenzeitung, die wir heute vorlegen, die Lizenz. Eine freie Presse! Mit diesem schicksalsschweren Wort übertrug er uns ein großes Vorrecht und eine noch größere Aufgabe. Die Jahre, die hinter uns liegen, insbesondere die sechs Kriegsjahre, haben den deutschen Leser von der Welt abgeschlossen, ihn in den Nebel der Propaganda gehüllt und damit der harten Sprache der Tatsachen entwöhnt. Wunschbilder oder verzerrende Haßvorstellungen haben vielfach ihre Herrschaft über die Geister angetreten.

Es gilt heute, Trümmer nicht nur in den Straßen der zerbombten Städte wegzuräumen, sondern auch geistige Belastungen einer untergegangenen Epoche, und das kann nur geschehen, wenn wir den Mut haben, ungeschminkt die Wahrheit zu sagen, sei es auch schmerzlich, und das wird sie leider häufig sein. Nur in der Atmosphäre unbestechlicher Wahrheit kann Vertrauen erwachsen.

Unsere Arbeit ist sachlich schwer zu umgrenzen. Wie eine Mauer von Finsternis und Verzweiflung steht die Zukunft vor uns. Wir können nur hoffen, ein kleines Licht anzuzünden, um die Pfade zu beleuchten, auf die wir in den nächsten Wochen und Monaten tastend unseren Fuß setzen müssen. Wir sprechen zu einem deutschen Leserkreis, der in dieser Zeitung seine Sorgen, Wünsche und Hoffnungen wiedererkennen und sie geklärt sehen soll. Wir werden niemandem nach dem Munde reden, und daß es nicht allen recht zu machen ist, ist eine alte Weisheit. Aber auch eine uns fremde Ansicht mag die Gewißheit haben, daß sie von uns geachtet wird. Brigadier Armytage hat diese Pflicht angedeutet:

"Wir hoffen, daß 'Die Zeit' ihrer Namensschwester in England würdig Sein wird. Sie wird gewiß die dringende Nachfrage nach einer Zeitung von umfassender Sicht, nüchternen Kommentaren und kulturellem Hintergrund befriedigen."

Wir sind nicht so vermessen, mit unseren bescheidenen Mitteln die überragende Stellung anzustreben, die die Londoner "Times" in der ganzen Welt genießen, aber wir haben den Sinn dieses Vergleiches als Mahnung verstanden. Mit diesem Vorsatz beginnen wir unsere Wochenzeitung.