Wirtschaft im Nebel

Als Fritz Reuter seinen Onkel Bräsig jenes hintergründig-naive Wort sprechen ließ, daß die Armut von der Powerteh herkomme, hat er wohl nicht ahnen können, daß allein schon diese Sentenz, durch drei Menschenalter hindurch immer wieder zitiert, ihm eine bleibende Popularität im deutschen Volke sichern würde. Dabei haben die so vielfältigen Erfahrungen all dieser Jahre immer noch nicht ausgereicht, die volle Erkenntnistiefe des Reuter-Wortes auszuloten. Es ist offenbar ein Stück unseres Schicksals, immer wieder aufs neue in wechselnden Konstellationen erfahren zu müssen, daß nichts so kostspielig ist wie die Armut, und daß niemand so unwirtschaftlich und aufwendig lebt wie gerade derjenige, der am meisten Anlaß dazu hätte, nach streng ökonomischen Prinzipien zu verfahren. Also etwa: sorgsam und gut einzukaufen, das Vorhandene in sparsamstem Einsatz bestens zu nutzen, den Absatz durch Lieferung hochwertiger Qualitäten sorgfältig zu pflegen.

Jetzt sind wir durch die Verhältnisse gezwungen, genau das Gegenteil des Erstrebenswerten zu tun. Das beginnt schon bei der Einfuhr des dringlichsten Lebensmittelbedarfs: Weizenmehl erhalten wir da, ein hochwertiges Halb- oder vielmehr schon Dreiviertelfabrikat – notgedrungen. Während es doch das Gegebene wäre, daß wir Rohstoffe bekämen – Rohmaterialien für die Kunstdüngerproduktion, Futtergetreide, Ölfrüchte und dergleichen –, um daraus in eigener Arbeit die Lebensmittel zu erzeugen, die wir brauchen.

Da wir nach zwölf Jahren (angeblicher) "Autarkie" heute zu arm sind, um uns aus Eigenem zu ernähren, zu arm auch, um die Einfuhr des lebensnotwendigen Bedarfs zu bezahlen, müssen wir mit einer (auf unbestimmte Zeit und in unbekannter Höhe kreditierten) Einfuhr dessen vorliebnehmen, was draußen am Markt gerade verfügbar ist. Und das ist heute Weizenmehl, bestes englisches, kanadisches und amerikanisches Mehl, für uns arme Leute "eigentlich" ein unerschwinglicher Luxus. So kommt es, daß heute weiße Brötchen vorhanden sind, und nicht nur uns, sondern zugleich auch unsere Illusionen nähren: die Illusion nämlich, daß wir nicht bitterarm seien.

Soviel von der Einfuhr, die, recht betrachtet, für eine verarmte Volkswirtschaft immer kostspieliger ausfallen wird, als für ein Land mit ausgewogenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Nicht anders liegen die Dinge auf der Exportseite. Da sind wir durch die Verhältnisse gezwungen, beispielsweise den Rohstoff Kohle auszuführen – anstatt hochwertige Anilinfarben zu exportieren, und bei diesem Geschäft noch Gas für den Herd, Koks für die Fernheizung zu erübrigen. Da uns beides fehlt, kochen wir nun auf irgendwelchen Not-Öfen, die nur ungenügend mit Rohren ausgestattet sind, also nicht gleichzeitig unsere Stuben richtig beheizen können. Und wir verfeuern dabei, notgedrungen den seit zwölf Jahren betriebenen Raubbau an unseren Waldbeständen fortsetzend, nasses, grünes Holz, das – richtig getrocknet – die mehrfache Wärmemenge hergeben könnte, und das von Rechts wegen größtenteils als Werkholz für Industrie und Baugewerbe verwandt. werden müßte.

Wie wir – wieder notgedrungen, durch die allgemeinen Verhältnisse veranlaßt – mit unserem wertvollsten Aktivum umgehen, mit der Arbeitskraft also, das ist nun wieder vollends unwirtschaftlich. Da es an Arbeitskleidung, vor allem an Schuhwerk (oder auch nur an Konservierungsmitteln und Reparaturmöglichkeiten dafür) fehlt, fallen zwangsläufig eine Menge Menschen für lebenswichtige Arbeitsvorhaben aus. Andere kommen deshalb nicht zu vollem Einsatz, weil sie ungenügend ernährt sind, wieder andere, weil die Verkehrsmittel – vom Autobus angefangen bis zum Fahrrad – nicht ausreichen oder nicht voll betriebsfähig erhalten werden können. Hunderttausende von Ostflüchtlingen führen notgedrungen ein Leben auf dem Dorfe, als ob sie dort für dauernd "zu Besuch" wären, weil es an Unterbringungsmöglichkeiten für sie in der Nähe industrieller Anlagen, die noch Arbeitskräfte brauchen könnten, fehlt. Und anderwärts fehlt es an Kohle und elektrischem Strom, um die Arbeiter zu beschäftigen, die in Städten und Vororten nahe bei den Industriewerken wohnen.

Während vielfach der Bedarf an Arbeitern nicht gedeckt werden kann, also ein ausgesprochener Arbeitermangel vorliegt, besteht eine riesige "versteckte" Arbeitslosigkeit. Sie hat ihre Ursache in dem "falschen Reichtum" unserer Volkswirtschaft: in der Geldfülle. Dies Faktum ist es vor allem, das eine volle Erkenntnis unserer Lage immer noch verhindert; ihm ist es zuzuschreiben, daß die Erscheinungsformen der Armut überdeckt werden, so daß den meisten Menschen der wirkliche Ernst der wirtschaftlichen Lage – soviel auch über die Gegenwärt geklagt, über die Zukunftsaussichten gejammert wird – nicht recht bewußt werden kann. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des verlorenen Krieges werden einstweilen noch durch das Vorhandensein der Kaufkraftfülle verschleiert.

Seltsam unwirklich ist das Bild, das die Nachkriegswirtschaft bietet. Wie ein dichter Nebel, alle Konturen verwischend, alle Größenrelationen grotesk verzerrend, liegt die Geldfülle über dem wirtschaftlichen Geschehen. Wir haben es diesmal nicht mit der verheerenden Flut der Inflation zu tun, aber dafür hüllt uns die Nebelmasse des Geldüberflusses ein: wie Watte so dicht, jede Klarheit erstickend, jeden Laut wirklichen Lebens dämpfend. Für viele, für alle diejenigen nämlich, die noch über ausreichend Bargeld und Guthaben verfügen, ist dies Leben in einer watteweichen, unwirklichen Welt vielleicht ganz angenehm, Aber es wird allmählich Zeit, zur Klarheit durchzustoßen und die wirtschaftlichen Dinge so zu sehen, wie sie in ihren harten Konturen vor uns stehen – frei von den Nebelschleiern, die das Bild einer notgedrungen im Zirkel der Armut befangenen Wirtschaft bisher verhüllt haben.

Wirtschaft im Nebel

Es gibt die Theorie, daß alles "von selbst" in Ordnung kommen, daß also, anders ausgedrückt, eines Tages die Produktion wieder voll anlaufen, die Gesundung der Wirtschaft sich durchsetzen werde. Das ist der alte Glaube an das Wirtschaftswunder, der, als Requisit der liberalen Epoche, solange man noch an die wirtschaftliche Allmacht der privaten Initiative glauben konnte, wirtschaftlich epochemachend gewesen ist und ja auch ganze wirtschaftliche Epochen heraufgeführt hat. Heute aber, da Planung und Lenkung das wirtschaftliche Getriebe beherrschen, ist ein solcher Wunderglaube nicht mehr zeitgemäß.

"Von selbst" wird sich der Nebel nicht verflüchtigen, den die Kaufkraftfülle über die wirtschaftliche Situation gelegt hat. Die etwas, verwegene Hoffnung, daß der Schwarze Markt den Geldüberfluß allmählich aufsaugen werde, ist nichts als ein simpler Trugschluß. Und auch die Idee, daß ein "Einschmelzen" oder "Abschöpfen" des Kaufkraftüberhanges allein durch steuerliche Maßnahmen durchgeführt werden könne, ist ungenügend fundiert. Es bleibt also nichts anderes übrig, als durch eine ad hoc angesetzte Maßnahme die Geldfülle zu verringern. Strittig ist dabei nicht nur das Wie, sondern auch das Wann. Kaum eines der vielen Währungsgutachten kommt in diesem Zusammenhang ohne den Begriff der "Voraussetzungen" aus, die zunächst einmal erfüllt sein müßten, ehe man an geldpolitische Maßnahmen herangeht. Und das merkwürdige ist, daß, je einschneidender und radikaler diese Maßnahmen gedacht sind, um so stärker die Frage der Voraussetzungen betont wird. Erst müßten gewisse politische Entscheidungen vorliegen, so wird gesagt, und zusätzlich auch bestimmte wirtschaftliche Vorbedingungen gegeben sein – wie etwa das "Anlaufen der Produktion". Aber wahrscheinlich liegen die Dinge doch gerade umgekehrt, daß die Erzeugung gar nicht in Gang kommen kann, ohne daß zuvor eine Art von operativem Eingriff auf währungspolitischem Gebiet erfolgt ist.

Es läßt sich sehr wohl hören, daß zunächst eine bessere Kohlenversorgung der Betriebe abgewartet werden müsse – also eine Verbesserung der Transportlage und der Energiebelieferungen –, ehe man darangehen könne, die Geldfülle irgendwie "einzusperren" oder "zusammenzuschneiden", sie "einschmelzen" oder "einfrieren" zu lassen. Aber soviel sollte doch klar sein, daß mit dergleichen Maßnahmen nicht abgewartet werden kann, bis erst die endgültigen Grenzen Deutschlands festgelegt, die Reparationsleistungen und Besatzungskosten ihrer Höhe nach endgültig bestimmt, die inneren Lasten geregelt, die "Reichsfinanzen" saniert und die wirtschaftlichen Gesundungserscheinungen voll sichtbar geworden sind! Freilich wäre es wünschenswert, bald Klarheit über die politischen Fragen zu erhalten. Die Sanierung der öffentlichen Finanzen dagegen kann nicht die Voraussetzung für geldpolitische Eingriffe sein, weil sie doch selbst abhängig von der Schaffung einer vernünftigen Geldwirtschaft ist – ohne die sich wohl auch die weitere Voraussetzung geregelter Etatsverhältnisse, nämlich eine wirtschaftliche Erholung, nicht denken läßt.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: zuerst muß die Geldfülle beseitigt werden, denn das ist die wichtigste Vorbedingung für das Anlaufen der Erzeugung. Alle weiteren Maßnahmen währungs- und finanzpolitischer Natur haben dann erst eine ganze Weile Zeit, und manche von ihnen sogar sehr viel Zeit: so insbesondere die endgültige Festsetzung der Bewertungsquote für den "festgeschriebenen" ("eingefrorenen" oder "verbrieften") Betrag an bisherigem Bar- und Bankgeld, der bei der Kaufkraftreduktion der Verfügungsgewalt des bisherigen Besitzers entzogen worden ist.

Ehe diese Bewertungsquote festgestellt wird, muß erst, etwa entsprechend der Kaufkraftminderung bei Bar- und Bankgeld, eine Ausgleichsbelastung für alle Sachwertbesitzer, eine Vermögensabgabe also, durchgeführt werden. Das gilt auch für den Aktienbesitz, wenn schon dessen Sachwertcharakter einigermaßen problematisch ist. Das ist notwendig, damit der "Geldwertbesitzer" nicht wieder allein benachteiligt ist, wie in und nach der Inflation von 19 19/23, während der "Sachwertbesitzer" leichten Kaufes davonkommt.

(Fortsetzung siehe Seite 8)