Auf den ergreifenden Brief von Bischof Wurm, der die geistige und leibliche Not des deutschen Volkes schildert, hat der Erzbischof von Canterbury geantwortet, ein Christ dem Christen. Ein Wort dieses hochherzigen Schreibens, das so hoch über allem steht; was menschlich und irdisch zu sein pflegt, scheint uns einen besonderen über den Tag hinausreichenden Sinn zu besitzen. "Die Regierungen der siegreichen Nationen tragen eine besondere Verantwortung" heißt es im Brief des englischen Kirchenfürsten, Eine besondere Verantwortung! Nach den sechs Jahren des Grauens und Entsetzens tragen wir alle diese besondere Verantwortung gegenüber der Welt, gegenüber der Zukunft und gegenüber uns selbst. Wir alle sind fest entschlossen, unsere ganze Kraft dafür einzusetzen, damit nie wieder ein derartiges Elend über die Erde gehen darf. Jeden Keim der Gefahr eines neuen Kriegen wollen wir ausrotten. Begnügen wir uns dabei nicht allzugern mit Äußerlichkeiten, mit den sichtbaren Werkzeugen des Krieges, den greifbaren Formen des öffentlichen Lebens, die zum Krieg führen können oder gar führen müssen? Wir richten die Blicke um uns, wo wir einen Ansatzpunkt finden können, der zum Ausgang einer Entwicklung zu werden vermöchte, die dann, Schritt für Schritt, uns noch einmal ins unabwendbare Verhängnis hineingleiten ließe, wenn wir nicht den ersten Anfangen Widerstand geleistet hätten.

Es liegt uns Menschen, nach außen zu schauen, Als ob die größte Gefahr nicht immer in uns selbst läge, in unserem maßlosen Auflehnen gegen das Schicksal, gegen die göttliche Fügung! Wir müssen in uns selbst beginnen, die Kräfte zu entwickeln, die allein aufbauen können, die großen ethischen Werte, die christlichen Tugenden. Wir müssen an die Stelle des Hasses, der Wut und der Verzweiflung die drei christlichen Ideale setzen: Glaube, Liebe und Hoffnung.

Bischof Wurm hat seine tiefe Besorgnis ausgesprochen, daß unter dem Druck äußerster Not und furchtbaren Geschehens diese Tugenden nicht zur Entfaltung kommen könnten, daß sie hinweggefegt werden von den dunklen Mächten der Leidenschaften, wenn nicht von außen eine hilfreiche Hand dem Zweifelnden, oft Verzweifelnden gereicht wird.

Heißt das eine Sonderbehandlung, ein Vergessen dessen, was geschehen, eine Belohnung von Gewalt und Unrecht in der Vergangenheit? Wir würden diese Verwechslung nicht annehmen können, wenn nicht Stimmen aus England die Möglichkeit einer derartigen irrigen Deutung nahelegen würden. Der Staat gewährt dem Verbrecher Rechtsschutz, das Christentum verspricht dem Sünder göttliche Gnade, selbst dem Schacher am Kreuze wurde verziehen. So will es die Lehre Jesu.

Die Menschlichkeit hält sich nicht an die starren Richtlinien von Schuld und Sühne. Sie darf es nicht, will sie nicht an sich selbst irre werden. Aus der Empörung über Unrecht darf nicht eine eigene Schuld entstehen, ein Hochmut des Pharisäers, daß er besser sei, eine Gefühllosigkeit gegenüber der ringenden Menschheit überhaupt. Härte trägt in sich den Stachel der Auflehnung. Herzenskälte tötet das eigene Gefühlsleben, und der Zorn über den fremden Frevel, so berechtigt er auch sein mag, frißt sich wie Gift in die eigene Seele.

Nach den langen Jahren falscher Lehren, da Selbstsucht und unbändiger Stolz unser Denken beherrschte, stehen wir heute vor der Erkenntnis, daß die Götzen, zu denen wir gebetet haben, nicht nur durch äußere Einwirkung gestürzt sind, sondern sich als innerlich hohl und eitel erwiesen haben. Vielleicht knüpft sich an diese Überzeugung auch ein Hoffnungsstrahl, daß wir nicht nur die Opfer eines geschichtlichen Dammbruchs sind, sondern zugleich Handelnde in einem großen Drama, in einem Trauerspiel größten Ausmaßes, einer Tragödie, die wie die alten Griechen uns gelehrt, in sich nicht nur die Vernichtung birgt, sondern zugleich die innere Läuterung des Helden in sich trägt.

Aus dem griechischen Begriff der Läuterung erwuchs im Christentum ein neuer, tieferer Gedanke. Der Trotz germanischer Auflehnung wurde verschmolzen mit der Erkenntnis menschlicher und damit eigener Schwäche. Es gilt, nicht nur die Schläge des Schicksals hinzunehmen, nicht sich zu beugen den dunklen Mächten, sondern aus ihnen die Kraft zu schöpfen, wieder hinaufzusteigen zum Licht. An die Stelle äußeren Geschehen tritt die innere Wandlung.