Zu den Mangelwaren, die wir heute entbehren müssen, zählt auch das deutsche Buch. Jahrelang war der Druck neuer Werke auf ein Mindestmaß beschränkt. Millionen und aber Millionen von Büchern gingen während des Krieges verloren, nicht nur in den Druckereien und Auslieferungslagern der Verleger in Leipzig, sondern in den zahllosen Privatbüchereien.

Von dem wenigen, was uns aus der Zeit vor dem Zusammenbruch geblieben, ist vieles heute nicht mehr lesbar. Wir denken dabei nicht so sehr an die Bücher, die ihrer politischen Richtung wegen ausgeschaltet sind, etwa weil sie eine Gesinnung verherrlichen, die auf der Potsdamer Konferenz abgelehnt wurde. Wir selbst sind kritischer, empfindsamer, feinfühliger geworden. Wir ertragen nicht mehr Verfasser, die falsch und verlogen oder die laut und anmaßend sind. Zuviel ist in den letzten Jahren auf uns niedergegangen, als daß wir nicht einen sechsten Sinn für alles Hohle, Falsche und Aufgeblasene wiedergewonnen hätten, das jahrelang den Ton angegeben. Die innere, instinkthafte Ablehnung erstreckt sich auch auf jene Wortbildungen, die damals gespreizt sich wichtig taten und das deutsche Schrifttum überfluteten.

Wir wollen zurück zu den großen Meistern, und zugleich drängt es uns, aus ihrem Geist heraus, in ihrer großen ehrwürdigen Sprache, jedoch mit der gestählten Kraft unserer Tage etwas zu unseren Fragen zu hören. Welch Verlangen! Greifen wir zu den Meistern, so fühlen wir uns in eine Zeit versetzt, die uns fremd geworden ist, die uns umfängt und einhüllt in die wohltuende, beruhigende und damit zugleich stärkende Welt eines längst vergangenen Friedens. Aber dann, wenn wir uns eingelullt haben, wenn wir aus der Stille Kraft gezogen, dann springen wir auf, dann reißen wir uns los von dieser Atmosphäre. Wir wollen einen modernen Menschen lesen! einen Dichter, der denkt und empfindet wie wir, der das durchgemacht hat, was wir gesehen und erlebt haben.

Jetzt erscheinen in Deutschland die ersten neuen Bücher. Nach langen Monaten werden die Verleger, die Lizenzen erhalten haben, ihre ersten Gaben uns auf den Tisch legen. Das Buch wird dennoch eine Mangelware bleiben. Es fehlt an Papier, an Druckereien, an fast allen technischen Voraussetzungen. Noch besorgter ist unsere Frage, ob die geistige Leistung der Größe der an sie gestellten. Aufgabe gerecht werden wird. Läßt sich heute auch nur ein Bruchteil dessen, was in uns vorgegangen ist an Großem und Schrecklichem, an Hohem und Gemeinem, an Zagen und Vertrauen, in Worte fassen, auf Papier bringen?