Von ROBERT WALTER

In einer sommerlichen Frühe stieg Gin Seng vom Ufer des Min über die Gärten empor. Der Anblick eines Pfirsichbaumes voller Früchte ließ ihn verharren, denn die Sonne feuerte göttlich im Baum und das Wasser des Min tief unten schien durch das Gezweig wie ewige Zeit zu strömen. Der Dichter hockte sich auf die nackte Erde, schauend und träumend, bis das Wundergebilde der Schöpfung in ihn eingegangen war; dann schlang er die Arme um die Knie, neigte das Haupt und versank im Gedicht.

Es geschah ihm, daß die harte Schale eines Pfirsichsteins, den er zwischen den Fingern fühlte, aus rätselhafter Macht vom weichen Kern gesprengt wurde, und die Keimblätter und Würzelchen zu treiben anfingen. Allmählich, wie durch Wochen und Monde, entfalteten sich die Herzblätter, der dünne Schaft strebte empor und durch unendliche Zeit vollendete sich der Baum: er wuchs in Gin Seng, sog mit dem Wurzelgeäst die Kraft aus seinem Wesen und füllte ihn im Wandel der Jahreszeiten mit Blattwerk, Blüten und Früchten.

Unterdessen werkelte ein Landbauer auf den umhegten gewässerten Feldern am Hang, pflanzte Reisschößlinge für die Herbsternte und bildete unter all der groben Mühe bisweilen auf den Dichter, den Entrückten, der scheinbar von Qual durchschüttert war. Er werkelte, bis die Sonne im Untergang stand, dann nahm er die leeren Bambuskörbe und schritt zu dem Versunkenen hinab, neigte sich voller Scheu und weckte ihn mit Worten. "Meister, weshalb mühst du dich unsäglich? Ich habe gesehen, wie dein Leib durch den langen Tag erstorben war und doch unter der Mühsal des Geistes leiden mußte. Ich bitte dich, komme mit mir zur Nacht und erquicke dich an Essen und Trinken und am Schlaf." Er zögerte und lachte unsicher und tröstlich, denn der Dichter rührte sich aus der Erstarrung und begann zu atmen. "Blicke wieder auf – sieh den Pfirsichbaum, vor dem du heute früh andächtig niedersankst, mit welcher Mühelosigkeit er die Fülle der Früchte hervorbringt, daß sie sich im Gezweig, drängen und der Reichtum unerklärlich ist."

Gin Seng erhob sich und stand eine Weile einsam und fremd, bis er den Menschen wahrnahm und die Worte begriff. "Du kennst ihn", sagte er, "denn du hast ihn gepflanzt und genährt, ihn auch gepflegt, wenn er krank War – du hast seine Frucht geerntet, gegessen oder verkauft und weißt seine Wirklichkeit – ich aber weiß seine Wahrheit; denn ich habe das göttliche Wesen in ihm, das unerforschliche, gedichtet und brauche es nur noch mit der Schrift zu bewahren." Er zog ein Messerchen aus dem Rode, drehte einen Pfirsich vom Zweig und schnitt ihn achtsam in Hälften. "Nimm dein Teil und iß andächtig", sagte er. und der Bauer tat nach dem Geheiß. Sie aßen langsam und kosteten den Saft des Fleisches in der Samthaut und die duftige Süße der Frucht, die unerklärliche. Dann wandte sich GinSeng auf seinen Weg, blickte lächelnd zurück und sagte: "Müht er sich nicht?"