(Gefallen am 4. März 1916)

Von CARL GEORG HEISE

Franz Marc spielt in der Vorstellung auch der jungen Generation, die ihn nicht mehr gekannt hat, eine ganz andere Rolle als die meisten übrigen Expressionisten, ja, viele werden nicht einmal geneigt sein, ihn überhaupt jener "verfemten" Kunstrichtung zuzurechnen, die selbst heute, nach Aufhebung der nationalsozialistischen Kunstdiktatur, weithin zweifelhaften Klang behalten hat. Er gehört zu den wenigen deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts, die nicht nur fast allgemein freundlich beurteilt, sondern von einem gar nicht kleinen Kreis von Kunstfreunden wirklich geliebt werden. Bilder wie die "Springenden Pferde" (ehemals im Essener Folkwang-Museum), der "Turm der blauen Pferde" (Berlin, National-Galerie) oder (siehe Abbildung) sind in vielen ausgezeichneten Reproduktionen verbreitet und nahezu volkstümlich geworden.

Woran liegt das? Wohl nicht zuletzt daran, daß der Nimbus des Frühvollendeten den Künstler umgibt, der als Gefallener des ersten Weltkrieges schon aus diesem Grunde ein Anrecht auf die Achtung seiner Nation erheben darf – "Heldentod" scheint "Entartung" auszuschließen – und weil er nicht nur durch seine Bilder, sondern auch durch seine Worte bekannt geworden ist, die unter Deutschen immer stärker werben als bildkünstlerische Zeugnisse allein. Darin ist er Paula Modersohn vergleichbar, deren Tagebücher auch Schrittmacher für die Wertschätzung ihrer Malerei gewesen sind? Kurz nach seinem Tode erschienen seine erstaunlichen Kriegsbriefe, die zu den edelsten Nachlaß-Veröffentlichungen gefallener Soldaten gehören. Es gibt Worte darin, die unsterblich sind: "Wie schön, wie einzig tröstlich zu wissen, daß der Geist nicht sterben kann, unter keinen Qualen, durch keine Verleugnungen, in keinen Wüsten. Dies zu wissen macht das Fortgehen leicht." Viele haben sich auch im letzten Kriege daran aufgerichtet.

Aber es kommt noch etwas anderes hinzu, das übrigens auch vom Literarischen her am leichtesten zu begreifen ist: Marc ist Tiermaler, aber in einem ganz neuen Sinne, so nämlich, daß das Tier nicht wie bei den Jagd- und Genremalern des 19. Jahrhunderts als liebenswürdiger Spielkamerad des Menschen gesehen wird, ein wenig von oben herab begönnert, sondern als ein brüderliches Wesen, ja sogar als das naturhaft-ursprünglichere und somit vorbildliche, das uns verlorene Erkenntnisse über den Sinn des Daseins zu vermitteln vermag. Ob Rilke ihn gekannt hat, weiß ich nicht zu sagen, aber bestimmt würde er ihn verstanden haben. Ich denke an die Stelle in den Duineser Elegien: "Und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt." Eben von diesem Verläßlichen, von diesem Nähersein an den Quellen des Lebens, lassen uns Franz Marcs Tierbilder etwas erkennen oder doch ahnen. Und weil das so ist, lassen wir uns leichter als bei anderen Malern der gleichen Generation von ihm symbolhaltige Darstellungsformen gefallen.

Eines dieser neuen Mittel ist der Rhythmus: "Friese" nennt er die Reihung von Affen oder Eseln, aber auch in den freier geordneten Gruppen ist der rhythmische Zusammenklang ein wesentlicher Faktor, der künstlerischen Wirkung. Und dann die Farbe: sie ist scheinbar willkürlich, leuchtend und unwirklich wie im Märchen, in Wahrheit aber ist sie ganz Träger wesentlicher Empfindungen, nicht dem Naturvorbild, nur dem psychischen Ausdrude verpflichtet. Auf diesem Wege kommt Marc immer mehr zu Formen und Farbklängen, die nahezu abstrakt anmuten, die aber doch immer von Erlebnis und Deutung des Tiergeschehens ihren Ausgang nehmen. "Tierschicksale" heißt eine seiner umfangreichsten und am meisten problematischen Leinwände, auf die er später in seinem Tagebuch selbst mit leichtem Erstaunen zurückblickt. Seine zeitgenössischen Beobachter verschwiegen es gern, daß ganz am Ende einige strenge, wieder naturnähere Zeichnungen stehen, die es ganz sinnfällig machen, daß die Bilder rein konstruktiven Charakters nur ein Ausschreiten der äußersten Möglichkeiten bedeuten, und daß er auf dem Wege war, auf höherer Stufe zur Spannungsmitte zwischen Abbild und Sinnbild zurückzukehren, von der er in jungen Jahren ausgegangen war. Ganz konnte der Ring sich nicht schließen, da sein Malerleben durch Krieg und frühen Tod – er starb mit 36 Jahren – ein vorzeitiges Ende fand. Lebte er heute noch, so wäre er noch kein Greis – und wie anders würde allein durch ihn das Bild der Malerei der Gegenwart aussehen!

Einige biographische Daten wollen wir uns abschließend in die Erinnerung rufen; denn Marc verdient es, gekannt und geehrt zu werden, wie die Meister unserer deutschen Kunstgeschichte. Er wurde 1880 in München geboren als Sohn eines Malers. Er besuchte die Akademie seiner Vaterstadt unter Hackl und W. v. Diez und bildete sich dann selbständig weiter. Eine Studienreise führt ihn nach Paris und in die Bretagne, mehrere Sommer verbringt er einsam auf einer bayrischen Alm, nur mit dem Studium der Tiere beschäftigt. In Ried bei Benediktbeuren gründet er sich das eigene Heim. 1912 tritt er führend hervor bei der Gründung der Künstlervereinigung "Der Blaue Reiter", die für Süddeutschland eine ähnliche Bedeutung gewann wie "Die Brücke" in Dresden. Die bisher einzige, ungewöhnlich sorgsame und künstlerisch aufschlußreiche Biographie Franz Marcs stammt von Alois Schardt und ist vor zehn Jahren zu seinem 20. Todestag im Rembrandt-Verlag in Berlin erschienen.