"Während ich diese Zeilgn schreibe, sehe ich vor mir das Meer, den blauen Himmel, die Palmen eines Gartens ... Woher kommt es, daß ich plötzlich den Wunsch spüre, das Geräusch des Regens zu hören, das Rollen der Taxis und Autobusse auf dem Pflaster, das Wehen des Windes, das Klappern der Fensterläden? Kommt es daher, daß ich zuviel an Verlaine gedacht, heute, wo mir Paris so sehr fehlt?" Der, dem diese melancholischen Sätze aus der Feder flossen, ist Francis Carco. Sie stehen in seinem neuen Buch "Nostalgie de Paris" – Heimweh nach Paris –, das er in Nizza schrieb, wohin er vor den Deutschen geflüchtet war.

In drei Gestalten erweckt er das Bild der Stadt: Villon, Baudelaire und Verlaine, drei Ausgestoßenen, die die größten Lyriker Frankreichs wären. Villon, der in Paris geboren, die Charakterzüge seiner Bewohner wie in einem Brennspiegel zusammenfaßt, den Geist der Freude, die Lebenslust, die streitbare Haltung und den beißenden Spott, der sich über alles lustig macht, ohne je einer Hemmung zu unterliegen. Il n’est tresor que de vivre à son aise – es gibt keinen größeren Schatz, als seinem eigenen Behagen zu leben –, dieser Refrain aus der Ballade de Contrediz de Franc Gontier, könnte als Motto über seinem Ltben stehen. Carco zerstört die Legende, die man um den Dichter gewoben hat, er sei durch entschuldbaren Leichtsinn in wirre Verhältnisse verstrickt und zu Unrecht von hohen Herren und Gerichten verfolgt und bestraft worden. Er zeigt, daß Villon ein Totschläger war, ein gefährlicher Einbrecher, ein Kamerad. der berührten Compagnie de la Coquille, von der zehn Mitglieder in Dijon gesotten und gehängt wurden. Durch Folter und Kerker zerbrochen, kehrte er nach Paris zurück. Als Zuhälter ist er dort verkommen. Carco beweist dies nicht nur aus dem Inhalt der Gedichte, sondern auch aus dem Argot, der Verbrechersprache, der er in den Balladen Villons nachspürt, "jener Sprache, die nicht nur eine Verschlüsselung ist, sondern durch ihre ständige Neubildung und die Kreise, in denen sie umgeht, eine Art Gesellschaftsspiel bildet, dessen oft brutale Scherze nicht ohne drollige Einfälle und Sinnreichtum sind".

Baudelaire, auf der Flucht vor seinen Gläubigern im Dunkel der Stadt umherirrend, um ein Nachtquartier zu finden, weil seine Schulden ihn plagen, unaufhörlich sein Domizil wechselnd. Der in sein Tagebuch notierte: "Ein Uhr morgens. Endlich allein, man hört nur noch das Rollen einiger verspäteter Droschken. Während weniger Stunden werde ich Schweigen und Ruhe mein eigen nennen. Endlich darf ich mich entspannen in einem Meer von Schatten. Den Riegel vor. Dies Drehen des Schlüssels wird meine Einsamkeit vermehren und die Barrikaden verstärken, die mich im Augenblick von der Welt trennen. Entsetzliches Leben! Entsetzliche Stadt!"

Verlaine, dem jede Würde fehlte, dessen Exzesse jeder Art ihn zwar hin und wieder von dem Elend befreiten, unter dem er litt, und so die Hoffnung stärkten, einmal ein Ende dieses unbürgerlichen Lebens zu finden, der dann unter dem Einfluß von Rimbaud ins Gefängnis geriet und immer weiter hinein in den Absynthrausch.

Trunkene alle drei: Wein, Absynth, Opium, oder Haschisch, ganz gleich, welcher Mittel sie sich bedienten, um ganz sicher dem Schmerz um eine verlorene Jugend, den Gewissensbissen um ein zerstörtes Heim, der düsteren Unfähigkeit zu leben, zu entgehen und einen einzigen Tag glücklich zu sein.

Wie kommt es, daß diese drei seltenen Poeten für Carco der Inbegriff jenes Heimwehs sind, das ihn verzehrt? Weil ihnen und ihresgleichen Paris einen Teil seiner Sensibilität verdankt, seiner geistigen Weite, seines Stils und seines Charakters. Sie haben menschliches Maß. "Sie. erheben sich nicht in neblige Wolken, die so viele Gehirne verdunkeln, sie haben den Boden unter den Füßen, der sie geboren hat." Denn das ist das Signum dieser herrlichen Stadt: ihr wesentliches Element ist der Mensch, "Seinem Maßstab verdankt der Ameisenhaufen physisch und moralisch seinen Alltag und sein beständiges Gleichgewicht." Rien que la nuance, dieses unübersetzbare Wort von Verlaine, ist der Schlüssel zu ihrer Harmonie.

Mit dem Bild der drei großen Dichter vereint Carco eine Schilderung ihrer Brüder von Nerval bis zu Guilleaume Apollinaire, von Manet bis zu Picasso. Seit Georges Moore hat niemand die Pariser Boheme so glänzend dargestellt.

Wer von uns, der dieses Buch liest, denkt nicht voll Heimweh an Berlin. Carco konnte Paris wiederfinden. Berlin ist eine Trümmerwüste und wird nie wieder so erstehen wie es war. Werden die Menschen, die auch dieser Stadt den Maßstab gaben, mit ihrer Lebensfreude, ihrem Witz, ihrer scheinbaren Härte und steten Hilfsbereitschaft den alten Geist bewahren, können? Tgl.